Liebe fürs Leben

Uwe Soeder

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Das Brautpaar kommt ein wenig wackelig zum Fotoshooting, Julia stützt ihren Chris. Sonst fährt sie ihn eigentlich mit Rollstuhl. Der Bräutigam ist heute besonders tapfer und schafft die 50 Meter vom Hauseingang in den Hof im Plattenbaugebiet. Den Brautstrauß haben sie dabei und einen knallroten Luftballon. Sie lächeln in die Kamera. Es ist ein leises, zurückhaltendes Lächeln. Kein grenzenloses Strahlen, wie man es von Sachsen Hochzeitsschlössern kennt.

Den Termin wollten sie jetzt, kurze Zeit nach der Entlassung aus dem Krankenhaus. Ein halbes Jahr haben die Ärzte in Dresden versucht, den bösartigen Gehirntumor zu bekämpfen. Es wurde nicht besser. Chris hat ständig Kopfschmerzen, er leidet an Schwindel und Übelkeit, an vielen anderen Beschwerden.

Die Eheschließung sollte bei ihnen daheim stattfinden, ausnahmsweise macht das Standesamt so etwas. Zwei Stühle haben sie im kleinen Wohnzimmer nebeneinander gestellt, mit grünen Zweigen geschmückt, weiße und rote Luftballons in Herzform drangehängt. Die Trauzeugen und ein paar enge Freunde sitzen um den Couchtisch. Die Standesbeamtin Frau Borrmann steht vor ihnen und spricht von Glück, Zufriedenheit und der Verantwortung füreinander. Maya, der kleine schwarze Mischlingshund des Paares, bellt immer mal. Das Brautpaar, beide in schwarz, hört bewegt zu. Julia weint viel. ES sind auch Freudentränen dabei. Ab heute tragen sie den gemeinsamen Namen Naske, ihren Namen.

Chris, geborener Proske, ist in Bautzen-Gesundbrunnen aufgewachsen. Mit zwei Schwester, ohne Papa. Als kleiner Junge war er en echter Zappelphilipp, er ging in die Erziehungshilfeklasse. Auf der Mittelschule lief es dann ganz gut, er mochte Geschichte, Geografie, und wie die meisten Jungs den Sport. Mathe weniger. Gern gab er den Klassenkasper. Nach vielen Bewerbungen hatte er auch bald eine Ausbildung sicher. „In meinem Traumberuf als Koch.“ Er brät, bäckt, frittiert mit Leidenschaft. Sein Leben scheint sich n die richtigen Bahnen zu bewegen.

Dann gab es den Lehrlingsaustausch mit einer tschechischen Einrichtung, genau zahn Jahre ist das her. Dort konnte er plötzlich das linke Auge nicht mehr öffnen. Wieder daheim ließ sich der konsultierte Augenarzt erst einmal Kinderfotos zeigen, um zu prüfen, ob er das nicht schon immer hatte. Und der Hausarzt verweigerte zunächst die CT-Untersuchung. Zu jung der Bursche, zu teuer das Verfahren.

Einige Wochen später, die Kopfschmerzen nahmen zu, war Chris sich sicher. Da ist was in meinem Schädel. Das endlich durchgesetzte CT-Bild brachte Gewissheit: Ein Tumor, wie ihn eigentlich nur schwangere Frauen bekommen könne. Jetzt ging alles schnell: Ab ins Krankenhaus und sofort Operation. Die Ärzte entfernten einen Teil des Tumors durch die Nase. Es folgten Bestrahlungen. Inzwischen hatte der Krebs Metastasen in der Lunge gebildet. Es wurden ganz schwere Waffen eingesetzt: hoch dosierte Chemotherapien mit eigenen Stammzellen.

Es half. Der Tumor wurde zerstört, die Metastasen erfolgreich bekämpft. Ein großer Sieg. Sein Augenlid blieb zwar hängen, stehen konnte er auch nicht mehr lange, es blieben Beschwerden. Alles in allem konnte Chris zufrieden sein. Auch wenn sich der geliebte Kochberuf als zu anstrengend erwies. Eine Umschulung wollte nicht gelingen. Schon bald fand er sich als Rentner wieder. Erwerbsunfähig.

Wie richtet man sich mit Anfang 20 in so einem Leben ein? Mit kleiner Rente und ohne die alten Freunde, die keinen Bock mehr hatten auf einen Kranken? Chris schaffte sich erst einmal Mischlingshund Maya an, den er nun versorgen konnte und regelmäßig mit ihm auf die Straße musste. Aber sehr spannend war dieses Leben nicht.

Die entscheidende Wendung hat einen Namen und heißt Julia. Die kannte er schon seit Kindergarten, sie guckten sich in Gesundbrunnen praktisch in die Fenster. Aber leiden konnten sie sich eigentlich nicht. Erst nach und nach verschwand die Abneigung, die Sympathie wuchs, dann wurde es Liebe. Ein bisschen wie im Märchen. Sie fühlte sich von diesem gehandicapten Mann angezogen. „Er war so positiv und ehrlich. Er gab mir viel Kraft.“

Die brachte sie jetzt mehr als er. Gerade erst war ihre Mutter an Krebs gestorben, ihr Vater kämpfte gegen die verdammte Krankheit. Auch er verlor wenig später sein Leben. Ihr tat diese Beziehung sehr gut. Und niemand anderes im weiten Umfeld konnte sich so gut in Chris hineinversetzten. Die beiden hatten sich gesucht und gefunden. Sie brauchten einander und hielten sich von nun an ganz fest. In den letzten drei, vier Jahren sah es si aus, als würde zwar nicht alles wieder gut, aber immerhin vieles. Für beide. Chris gewann Selbstbewusstsein und wollte wenigstens etwas arbeiten. Er begann eine Zeitung auszutragen, den Oberlausitzer Kurier. Er fühlte sich anerkannt und hatte Spaß daran. Er ließ sich nur schwer aus der Küche vertreiben. Der alte Traumberuf eben. Manchmal gab es dann leckeres Hähnchengeschnetzeltes mit Curry und Zimtparfait hinterher. Er begann wieder, Neues auszuprobieren. Und Julia, die lange beruflich orientierungslos war, bekam eine Stelle im Schuhhaus, die sie motivierte. Dort fühlte sie sich richtig wohl. „Jetzt mussten wir plötzlich nicht mehr dauernd dran denken, was noch so passieren kann“, meint Chris.

Aber dann kam der Herbst 2016. Chris war einkaufen und fuhr mit seinem Rad und einem schweren Rucksack in ein tiefes Schlagloch. Zwei Wochen schmerzte der Rücken, er hatte das Gefühl, es sei etwas gebrochen. Der Hausarzt konnte nichts entdecken, erst im Krankenhaus wurde klar: Der Krebs ist wieder da. Ein neuer Dottersack-Tumor hatte sich mitten im Hirn gebildet, nicht zu operieren. Bis Ende April musste Chris vier Chemotherapien und zwei Hochdosis. Therapien überstehen und viele Nebenwirkungen, wie Mund- und Magenschleimentzündungen. Aber der Tumor blieb. Schließlich wurde er zur Weiterbehandlung nach Bautzen entlassen.

Chris und Julia haben, noch im Krankenhaus, Pläne geschmiedet, wie es jetzt weitergehen soll. Kurz gesagt: Sie wollen ihre Träume leben. Der größte und wichtigste Wunsch ist diese Woche in Erfüllung gegangen: die Hochzeit. Jetzt sind sie auch offiziell ein Paar. Und sie haben sich fest vorgenommen, sich von jenen im Wohngebiet nicht bedrängen zu lassen, die tratschen, Julia wolle nur irgendwann an eine Witwenrente. Menschen, gerade auch die, denen es selbst nicht gut geht oder die wenig haben, können manchmal besonders böse sein.

Dann wollen Julia und Chris in der nächsten Zeit schöne Ausflüge unternehmen. Beide sind kaum herumgekommen, für ein Auto reicht es nicht. Deshalb haben sie sich riesig gefreut, dass Julias Freundin Deborah zur Hochzeit mit de Fernbus zwölf Stunden vom Schwarzwald bis nach Bautzen gefahren ist und den beiden ein besonderes Hochzeitsgeschenk bereitet hat: Sie mietete ein Auto und lud das Brautpaar zu einem Ausflug in die sächsische Schweiz ein. Nach Bad Schandau und ins schöne Kirnitzschtal. Es wurde ihr kleine Hochzeitsreise.

Der nächste allergrößte Wunsch von Chris soll Ende Juni in Erfüllung gehen: ein Rundflug über Bautzen. Davon träumt er schon lange. Einmal ist er bereits geflogen, aber die Heimatstadt von oben zu sehen, das ist ja mal etwas ganz Neues.

Und dann wollen die beiden ihre Wohnung ein bisschen verschönern. Zwei neue Matratzen sollen her und drei neue Läufer. Die Stiftung Lichtblick hat 1000 Euro für ihre Träume bewilligt. Chris und Julia sind froh und dankbar: „Allein hätten wir das nicht geschafft. Es tut sehr gut. Menschen um sich zu wissen, die helfen wollen“, sagt Julia.

Am Anfang ihrer Beziehung brauchte Julia mehr den Chris. Jetzt ist es umgekehrt. Ihren Job hat sie aufgegeben, sie will jetzt nur für ihn da sein. Wie schwer ist ihr die Last. „Nein, nicht zu groß“, sagt sie sehr ernst. „Ich liebe es, mit ihm im Rollstuhl unterwegs zu sein, weil er sich so freut, rauszukommen. Und nie jammert. Nie. Schon morgens, wenn ich aufwache, strahlt er mich an. Das gibt mir so viel Kraft! Mir fehlt es an nichts.“

Renate Diener von der Diakonie, die Chris und Julia seit Jahren kennt, lobt die beiden ohne Einschränkung. „er ist sehr, sehr tapfer, er kämpft vorbildlich. Ich würde alles für ihn tun. Und Julia erfüllt ihre Aufgabe mit Umsicht und großem Weitblick. Sie ist über sich hinausgewachsen. Ihre Eltern, die ich als Krebskranke beide betreut habe, würden sagen: Was für ein Mädchen!“

Fragen sich die beiden nicht manchmal: Warum gerade wir? Und vor allem: Wie sollen wir das aushalten? Beide schütteln den Kopf: „Wir haben uns“, sagt Chris. „Wir lieben uns“, ergänzt Julia.

Und dann kommt noch ein Satz, über den beide offenbar zusammen nachgedacht haben, so sehr sprechen sie ihn fast im Chor. Ein Satz wie Donnerhall: „Wir möchten unser Leben nicht tauschen.“

Autor: Olaf Kittel

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