Nur nicht den Mut verlieren

Steffen Unger

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Es ist kalt an diesem Novemberabend. Jenny* zieht die viel zu dünne Jacke über der Brust zusammen. Sie will sich nicht anmerken lassen, dass sie friert. Sie mag keine mitleidigen Blicke. Jenny kommt gerade aus der Berufsschule. Ihre Mitschüler sind längst zu Hause. Jenny ist immer die Letzte. Weil sie keinen Computer hat, darf sie nachmittags nach dem Unterricht immer noch eine Stunde länger bleiben, um am PC in der Schule arbeiten und lernen zu können. „Da bin ich sehr froh drüber“, sagt die 19-Jährige, „das muss ich ausnutzen.“ Es stehen gerade viele Arbeiten an. Und Jenny will gut sein. Sie will es allen zeigen. 

Seit August macht sie eine Ausbildung zur Sozialassistentin. Danach soll noch eine zur Heilerziehungspflegerin folgen. Ein langer Weg für Jennys großes Ziel: Sie will sich um behinderte Kinder kümmern. Vor der Ausbildung hat sie ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Behinderteneinrichtung gemacht. Seitdem, sagt sie, weiß sie, dass es das ist, was sie mal machen will. „Weil die Kinder so lieb und so dankbar sind“, sagt Jenny, „und weil das so ein schönes Gefühl ist, diese Dankbarkeit.“ 

Jenny hatte keine schöne Kindheit. Wenn der Vater Alkohol getrunken hatte, wurde er aggressiv und gewalttätig. Das hat auch ihre Mutter krank gemacht. Seit ihre Eltern sich vor einigen Jahren getrennt haben, hat Jenny keinen Kontakt mehr zu ihm. „Ich hatte nicht das schöne Zuhause, das Kinder sich wünschen“, sagt die 19-Jährige, die noch zwei jüngere Geschwister hat. „Und ich, die Älteste, war immer der Sündenbock.“ Sie sagt das ganz nüchtern und emotionslos. Eine schlichte Feststellung. Es macht keinen Sinn, über die Vergangenheit zu klagen. Jenny will nach vorne blicken, sagt sie und lächelt. Sie kämpft sich jetzt durch. Mit einem bewundernswerten Optimismus nimmt die junge Frau es auf mit allen Widrigkeiten, die das Leben ihr in den Weg wirft. Im September ist sie von Zuhause ausgezogen. Sie hat zum Leben im Moment gerade mal 192 Euro Kindergeld und reichlich 200 Euro Bafög, die sie vom Jobcenter bekommt. 

Die erste eigene Wohnung am Stadtrand von Bautzen ist klein. Und es steht auch noch nicht viel drin: ein Bett, ein Kühlschrank, eine Kommode, ein Fernseher. Alle Kleidungsstücke, die sie besitzt, passen in die Kommode. Das wird jetzt schon nach und nach, sagt Jenny. Sie hat viele Kerzen aufgestellt, das Licht macht auch eine halbleere Wohnung gemütlich, findet die junge Frau, die innerlich sehr zufrieden und aufgeräumt wirkt. Und erstaunlich erwachsen für eine 19-Jährige.

Ein Zufall hatte Jenny vor ein paar Wochen zu Andreas Deckwart geführt, der als Sozialberater bei der Caritas arbeitet. „Die junge Frau hat mich sehr beeindruckt mit diesem Lebensmut“, sagt er. Andere junge Frauen in diesem Alter feiern ganz selbstverständlich Partys, gehen shoppen und verabreden sich mit Freundinnen im Café. Für Jenny ist das alles undenkbar. Sie kann sich nicht mal das Mittagessen leisten, das sich ihre Mitschüler von einem Lieferservice bringen lassen. Ob sie denn schon mal etwas von der Stiftung Lichtblick gehört habe, hat er sie ganz nebenbei gefragt. Und Jenny hat den Kopf geschüttelt. Seit ein paar Tagen weiß die junge Frau, was Lichtblick ist. Andreas Deckwart, der schon seit vielen Jahren mit der Stiftung zusammenarbeitet, hat um einen Zuschuss für Jennys Wohnungseinrichtung gebeten.

Mit dem Geld kann Jenny sich jetzt gebrauchte Küchenmöbel kaufen und eine kleine Schrankwand für das Wohnzimmer. Sie ist glücklich und dankbar. Jetzt fehlt in der Küche nur noch ein richtiger Herd, sagt sie. Zurzeit hat sie einen kleinen Campingkocher mit zwei Flammen. „Nudeln und Tomatensoße geht“, sagt Jenny schmunzelnd. „Pellkartoffeln auch.“ Was nicht ist, wird schon noch werden. Jenny hat gelernt, mit dem zufrieden zu sein, was sie hat. „Sonst würde man das Leben doch gar nicht aushalten“, sagt sie. Und es ist wieder eine ganz nüchterne Feststellung.

 182-mal hat die Stiftung Lichtblick in diesem Jahr bereits im Landkreis Bautzen geholfen – Menschen wie Jenny, die unverschuldet in eine finanzielle Notsituation geraten sind. An Familien, Alleinerziehende, Rentner und Kinder im Landkreis sind dabei insgesamt mehr als 100 000 Euro geflossen. Jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit bittet die Sächsische Zeitung dafür ihre Leser, Firmen und Gewerbetreibende um Spenden.

„Weil es das Grundprinzip der Stiftung ist, in jedem Fall mit Mitarbeitern von Behörden, Institutionen und Wohlfahrtsverbänden zusammenzuarbeiten, ist immer auch garantiert, dass die Spendengelder in die richtigen Hände kommen“, versichert Stiftungsmitarbeiterin Andrea Jährigen. „Darauf können sich die Spender stets verlassen.“ Geholfen wird auf vielfältige Weise. Ob mit Möbeln, wie im Fall der jungen Auszubildenden, mit dringend benötigten Wintersachen für die Kinder, mit dem Ersatz der kaputt gegangenen Waschmaschine, mit der Übernahme der Autoreparatur-Kosten oder der Kosten für ein Kinderferienlager. „Es gibt sehr, sehr viele Menschen in Sachsen, die wir mit dieser unkomplizierten Hilfe in einer großen Notlage unterstützen können“, sagt Andrea Jährigen. „Das ist oft noch viel mehr wert als das Geld an sich.“ Jenny wird jetzt nach Hause in ihre kleine Wohnung fahren und die Kerzen anzünden, die sie wärmen. Ende November hat sie Geburtstag. Sie wird 20. Was sie sich wünscht? Jenny lächelt. „Vielleicht, dass jemand da ist“, sagt sie. „Dass ich an dem Tag nicht alleine bin.“ Sie traut sich nicht, jemanden einzuladen in ihre kleine Wohnung. Sie kann sich eine Geburtstagsfeier ja gar nicht leisten, sagt sie leise und sieht in diesem Moment doch ein bisschen traurig aus. Aber das zeigt sie nur kurz. „Am meisten wünsche ich mir, dass ich die Ausbildung gut über die Runden kriege“, sagt sie schnell.

*Der Name wurde geändert.

Autor: Jana Ulbrich

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