Träume und Albträume

Ronald Bonss

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Juliane wollte mal unbedingt auf die Route 66. Der weite amerikanische Westen, die große Freiheit. In ihren Teenagerträumen fuhr sie die ganz schweren Trucks, sie, 1,60 klein und zierlich. Das wär`s für sie gewesen. Eigene Kinder passten überhaupt nicht in diesen Traum, der noch gar nicht lange zurückliegt. Im Januar 2018 aber ist die Route 66 ganz weit weg, so weit wie noch nie. 

Die Realität der Juliane Kunath liegt nahe an der B 178, in Löbau. Sie fährt keine Lkw, auch nicht in ihren Träumen. Die intelligente, aufgeschlossene junge Frau hat nicht einmal einen Beruf. Gerade ist sie in eine größere Wohnung umgezogen, weil der Platz für ihre Familie nicht mehr reicht. Vor einem Jahr brachte sie ihr viertes Kind zur Welt. Und ihr Lebensgefährte sitzt seit 2017 im Rollstuhl, wahrscheinlich für immer.

Juliane Kunath ist 23 Jahre jung. Herumgekommen ist sie bisher nur in der Lausitz: geboren in Bautzen, zur Schule gegangen erst in Putzkau, dann in Bischofswerda. Aufgewachsen mit sechs Brüdern, alle deutlich älter. Das Nesthäkchen, gerade hatte sie noch vom Wilden Westen geträumt, trifft mit 15 hier die große Liebe. Ihr erstes Kind bekommt sie mit 16. Sie will es, auch wenn ihr klar ist, dass das Leben nun anders verläuft. Ganz anders. Sie geht mit ihrer Leonie in ein Mutter-Kind-Heim. Es war die richtige Entscheidung. Dort kann sie noch die Schule besuchen und bekommt Hilfe fürs Kind.

Dann, mit 18, zieht sie nach Bautzen in die erste eigene Wohnung und erwartet das zweite Kind. Sie zieht zu ihrer nächsten großen Liebe nach Elstra. Weitere zwei Jahre und einen Lebensgefährten später wird Luca geboren. Jetzt hat sie mit 21 drei Kinder, die sie liebt und gut versorgt. Und reichlich Lebenserfahrung.

Vor zwei Jahren traf sie dann ihren heutigen Lebensgefährten Paul Jeurink, Tierpflegerhelfer und ein lustiger Typ, der ihr Schutz und Halt bietet und sie nach Löbau holt. Sie ziehen in eine kleine Wohnung, legen ihre wenigen Ersparnisse zusammen und besorgen die wichtigsten Einrichtungsgegenstände, vieles vom Flohmarkt. Ihr drittes Kind Luca lebt fortan bei seinem Papa, der mit dem Jungen besser zurechtkommt.

Eigentlich sollte 2017 ein ruhigeres Jahr für die nun vierköpfige Familie werden. Sollte. Zunächst freuten sich alle auf Josephine, Juliane Kunaths viertes Kind. Paul ist auch ganz der stolze Papa. Dann kommt es im Sommer aber zur Katastrophe. Bei einem Autounfall, der Wagen knallt ungebremst gegen einen Brückenpfeiler, verletzt sich Paul Jeurink schwer.

Die Ursache ist wohl noch nicht völlig geklärt. Er liegt dann eineinhalb Monate mit zahllosen Knochenbrüchen auf der Intensivstation. Er muss zahlreiche Operationen überstehen und wird regelrecht zusammengeflickt. Dann erleidet er auch noch einen Schlaganfall. Die Ärzte sagen, er wird wohl nie wieder arbeiten können und sein Leben lang im Rollstuhl sitzen. Mit 25. Für alle Beteiligten ein Albtraum. 

Es folgen drei Monate Reha. Juliane Kunst ist wieder auf sich allein gestellt und hat alle Hände voll zu tun mit den drei Kindern. Sie organisiert die Schuleinführung für ihre Große, sorgt sich um Paul, besucht ihn, so oft es geht. In dieser Zeit hilft ihre Mama, und Elisabeth Hübscher steht ihr ein, zwei Mal in der Woche zur Seite. Sie ist von Aktiva, einem Verein für flexible ambulante Hilfen zur Erziehung. 

Noch bevor Paul wieder nach Hause kommt, hat Juliane sogar den Umzug in eine größere Wohnung gemanagt, Freunde helfen ihr dabei. Dann müssen all die Dinge beschafft werden, die ein Behinderter daheim braucht, Rollstuhl, Lift und so weiter. Und die Therapien müssen beantragt werden, Juliane hat keine Ahnung davon, woher auch. Aber alle staunen, wie strukturiert, ruhig, freundlich die 23-Jährige das alles auf die Reihe kriegt.

Auch Frau Hübscher, ebenfalls noch sehr jung, ist beeindruckt: „Das war wahnsinnig viel für sie damals. Aber die beiden beißen sich durch, er hilft vor allem mit seinem Humor über Durststrecken hinweg. Sie könnte allerdings ruhig einmal mehr um Hilfe bitten.“ 

Inzwischen hat sich das Familienleben eingespielt. Die Einjährige ist eine ruhige Freundliche, die großen Mädchen haben Spaß an ihren eigenen Zimmern und beschäftigen sich schon gut allein. Während die Erwachsenen ihre Geschichte erzählen, malen sie ein Bild nach dem anderen und zeigen sie dann stolz herum. Auch die SZReporter werden porträtiert. Und Paul Jeurink, im Rollstuhl, macht seine Späße und nimmt immer wieder seine Tochter auf den Schoß, Er versucht zu helfen, wo er kann. Sehr viel ist es nicht. 

Klar also auch, dass der Großteil der Arbeit bei ihr hängen bleibt. Sie muss jetzt nicht nur die Kinder versorgen, anziehen und waschen, sondern auch ihren Lebensgefährten. „Ich bin abends so gegen 20.30 Uhr, wenn alles vorbei ist, geschafft, ja“, meint sie. „Aber ich mache es gern.“ Der schlimmste Tag der Woche ist für sie der Sonntag. Wenn alle daheim sind, Spaß und Entspannung suchen. Dann hat sie die meiste Arbeit. Sie ist froh, wenn er vorbei ist und die Woche beginnt.

Juliane Kunath ist deshalb auch gar nicht böse, wenn Pauls Kumpel ihn mal abholen und die Männer was zusammen unternehmen. Auch ihre Freunde kommen ab und zu und betreuen die Kinder, damit sie mal raus kommt. Nicht alle Freundinnen haben allerdings verstanden, dass sie nicht ständig und immer losziehen kann, wie andere mit Anfang 20.

In den nächsten Monaten wollen sie nun ihre neue, behindertengerechte Erdgeschosswohnung, die ihr Hauseigentümer für sie aus zwei kleineren Wohnungen zusammengelegt hat, vernünftig einrichten. Da die Ersparnisse aufgebraucht sind, haben sie über Aktiva einen Antrag auf Hilfe bei Lichtblick gestellt. Er wurde inzwischen bewilligt. 1500 Euro hat die Stiftung für die Familie bereitgestellt. Davon wollen sie zwei Kinderbetten für die großen Mädchen kaufen, bisher schlafen sie noch auf Klappsofas. Zwei Kleiderschränke für ihre neuen Kinderzimmer sind geplant, und das Schulkind soll einen Schreibtisch erhalten. Sie haben sich sehr gefreut über diese großzügige Spende der Leser der Sächsischen Zeitung.

Und was ist mit den Träumen? Hat Juliane Kunath noch welche, trotz der vielen Arbeit, trotz aller Sorgen? Jetzt, mit 23, wo so viel Leben noch vor ihr liegt?

Sie überlegt eine Weile. Träume stehen gerade nicht so auf der Tagesordnung. Aber ja, meint sie dann, Träume gibt es schon. Vielleicht in einem Jahr, wenn die Kleine etwas größer ist, würde sie gern einen Beruf lernen und dann arbeiten. Nein, Lkw-Fahrerin ist kein Thema mehr. Sie denkt aber wieder an etwas Handfestes: Sie würde gern Tiere betreuen, durchaus auch große in der Landwirtschaft. Würde ihr Spaß machen. Und Paul will versuchen, etwas Passendes in einer Behindertenwerkstatt zu finden.

Tja, und sie zögert noch einmal, später, viel später würde sie gern mit ihrer Familie ein eigenes Haus haben.

Und ja, noch ein Traum: Paul und sie denken gerade über die Hochzeit nach. Vielleicht noch dieses Jahr. Sie würden schon gern eine richtige Familie sein mit allem Drum und Dran. Selbst wenn Paul immer im Rollstuhl sitzen muss.

 

Autor: Olaf Kittel

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