Rambows Ferrari

Foto: Thomas Kretschel

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Ausparken dauert. Dazu muss Matthias Rambow seinen Krankenfahrstuhl im Keller zunächst vom Ladegerät trennen und sich auf den Fahrersitz schieben. Dann geht das Rangieren los: Vor, zurück, vor, zurück. Immer wieder. Das zwei Meter lange Gefährt passt mit Müh und Not durch die Kellergänge, es ist Millimeterarbeit. Auch der Aufzug ist gerade groß genug, um sein Fahrzeug, das er "meinen Ferrari" nennt, zum Ausgang zu befördern. Durch die Haustür geht es wieder nur mit mehrmaligem Rangieren. Dass die ganze Aktion mindestens eine Viertelstunde dauert, trägt der Mann, dessen linke Körperseite gelähmt ist, mit größtmöglicher Geduld. "Nach einem Schlaganfall lernt man, ruhiger zu leben."


Bis zu jenem 4. Oktober 2014, als das Schicksal zuschlug, ging es nicht besonders ruhig zu in seinem Leben. Es war ein ziemliches Auf und Ab, privat wie beruflich. Aufgewachsen ist er in Oelsen, hoch oben auf dem Kamm, an der Grenze zwischen Sächsischer Schweiz und Erzgebirge. Die Eltern hatten einen Bauernhof, die Schule bestand aus einer Klasse. Es war eine unbeschwerte Kindheit. "Wir wussten gar nicht, was Allergien sind."
In die Schule ging er später in Markersbach, das Abitur machte er in Pirna, es folgte ein Semester Studium der Landtechnik. Dann der erste Bruch in seinem Leben. "Das Studium war mir zu rot, viel zu viel Marxismus/Leninismus für meinen Geschmack. Außerdem lernte ich meine erste Frau kennen." Aus beiden Gründen warf er das Studium hin, wurde Kraftfahrer, Geld musste her. Er heiratete mit Anfang 20, bekam zwei Töchter und lebte das Leben einer einer jungen Familie, wie es in der DDR durchaus üblich war.


Der zweite Bruch folgte Ende der 80er-Jahre: Er verließ die Familie, heiratete erneut, nahm den Namen seiner Frau an (so etwas gab es schon damals). Auch diese Ehe hielt nicht, eine dritte folgte. Zwei Söhne gingen daraus hervor, sie sind ihm heute eine wichtige Stütze.
Kraftfahrer blieb er fast sein ganzes Berufsleben lang, meistens fuhr er Kipper für Baumaterial oder Asche. Aber langweilig wurde es ihm schon deswegen nicht, weil er immer wieder die Arbeitgeber wechseln musste. Meistens wegen Insolvenz der Firmen. Er bekommt sie heute selbst kaum noch zusammen. Anhand seiner Arbeitsstellen könnte man beinahe eine Geschichte der Bauunternehmen des Kreises Pirna seit der Wende schreiben.
Erst 2010, mit Anfang 50, wagte er die Selbstständigkeit. Sein kleines Bauunternehmen baute Radwege, Einfahrten, er war am Straßenbau größerer Firmen beteiligt. "Es lief hervorragend", meint Matthias Rambow heute. Er hatte das im Osten seltene Glück, dass fast alle Kunden ihre Rechnungen bezahlten. So hätte es durchaus noch zehn, fünfzehn Jahre weitergehen können.


Zumal er auch in seiner Freizeit gut zu tun hatte. Er war 17 Jahre lang Präsident des Karnevalsvereins in der kleinen Faschingshochburg Bad Gottleuba. Alle fünf Jahre gibt`s hier einen großen Umzug quer durch den Ort. Und der Fußball lockte ihn sein Leben lang auf den Sportplatz. Erst als Spieler von der Jugend bis zu den Alten Herren, und nebenbei auch als Trainer für die Kindermannschaften des SC Einheit Bahratal-Berggießhübel.


Auf dem Sportplatz erlebte er auch den 4. Oktober 2014, den schlimmsten Tag seines Lebens. Seine Fußball-Jungs trabten an diesem Spieltag gerade zur Halbzeitpause in die Kabine, als er mal eben seine Hand in die Hosentasche stecken wollte - und merkte, das geht ja gar nicht. Dann wollte er von seiner Trainerbank aufstehen - auch das funktionierte nicht. Die von Zuschauern herbeigerufene Schnelle Medizinische Hilfe stellte rasch fest: schwerer Schlaganfall, mit dem linken Bein und dem linken Arm geht nichts mehr. Nach dem ersten Schock folgte ein Krankenhausaufenthalt, dann die Reha in Kreischa. Es folgte die Insolvenz seiner Firma, weil die Darlehen für die Baufahrzeuge nicht mehr bedient werden konnten. Seine dritte Ehe war schon ein Jahr zuvor zerbrochen. Jetzt war er allein, auf Sozialhilfe und fremde Dienste angewiesen, um sein Leben zu organisieren. Beinahe von einem Tag auf den anderen.


Zunächst waren es vor allem sein Bruder und seine Schwägerin, die ihm über die schlimmste Zeit hinweg halfen und Behördengänge erledigten. Als sein Bruder im vergangenen Jahr an Krebs starb, wurde ihm mit Juliane Schneider eine Betreuerin vom Betreuungsverein Pirna zur Seite gestellt. "Die ist top, die Frau", meint Matthias Rambow. "So eine kann man sich nur wünschen." Sie kümmert sich jetzt um den bürokratischen Kram mit den Ämtern, macht seine Ansprüche geltend. Außerdem hilft ihm die AWO im Haushalt, auch duschen kann er nicht allein. Das Mittagessen wird ihm ins Haus gebracht. Gleichzeitig trainiert Matthias Rambow unermüdlich, um selbst klarzukommen. Am Wochenende kocht er schon mal Fertiggerichte oder Bratkartoffeln mit einer Hand. Dazu bastelte er sich das eine oder andere Hilfsmittel.


Für dieses Ziel trainiert er immer wieder, auch wenn die Aussichten für eine Besserung nicht so rosig sind. Er will es trotzdem versuchen. Riesig gefreut hat er sich, dass ihn seine Fußballkumpels im August zu seinem 60. Geburtstag besuchten. Es hat ihm viel Kraft gegeben und neue Hoffnung auf ein erfülltes Leben.
Ende September ist er in Bad Gottleuba ins betreute Wohnen umgezogen. Eine kleine, schmucke Wohnung mit Balkon, alles sehr praktisch eingerichtet. Von hier kann er mit dem Aufzug in den Keller zu seinem "Ferrari". Mit ihm kann er jetzt allein einkaufen gehen in den nahen Supermarkt, für die Bierflaschen hat er sich ein extra Wägelchen angeschafft. Gegenüber seines Hauses ist ein hübscher Park, den kann er nun zum Luftschnappen ganz bequem erreichen.
Mit seinem "Ferrari" will er sich jetzt nach und nach die Welt zurückerobern. Zur Mutter nach Oelsen hoch auf den Berg hat er es schon geschafft. Als Nächstes will er die Fußballplätze erreichen. Manchmal träumt er von einer Fahrt nach Dresden. Wenn Elektrofahrzeuge bloß nicht so eine geringe Reichweite hätten. Sein Wagen muss schon nach 50 Kilometern wieder an die Steckdose. Allerdings hat er eine Idee: Er braucht ein Ladegerät für unterwegs. Die Fahrt könnte dann zwar dauern, aber Zeit hat er ja.


Nur ein großer Wunsch blieb noch offen auf dem Weg zurück ins Leben: Ein Dach für seinen "Ferrari". Genauer, eine Plastikverkleidung, die Wind, Regen und Schnee abhält und es ihm ermöglicht, bei jedem Wetter unterwegs zu sein. Bad Gottleuba liegt nun mal im Gebirge. Aber das gute Teil kostet immerhin 2 000 Euro, viel zu viel für seine Verhältnisse. Seine Betreuerin, Frau Schneider, fackelte nicht lange und schrieb einen Spendenantrag an die Stiftung Lichtblick. Sie fragte vorsichtig an, ob ein Teilbetrag aus dem Spendentopf der Leser der Sächsischen Zeitung kommen könnte. Die Lichtblick-Verantwortlichen berieten sich und entschieden, in diesem speziellen Fall ausnahmsweise die komplette Summe zu übernehmen. Herr Rambow strahlte und bedankt sich ganz herzlich bei allen Lichtblick-Spendern.

Jetzt kann der Winter kommen.

Autor: Olaf Kittel

 

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