Ein Grabstein für den Vater

Foto: Ronald Bonß

Zurück zur Übersicht

 

Die Sonne über dem alten Johannisfriedhof in Meißen beginnt schon unterzugehen. Ein eisiger Wind peitscht vorbei an den Mauern, Bäumen und Grabstätten. Umso mehr fallen die Rosen auf, die rot und weiß auf einem kleinen Grab leuchten. Mit ihrer Hand streicht Isabell über die Blütenblätter. "Ich bin überrascht, dass die noch so frisch aussehen", sagt sie. Sie rückt ihre schwarze Mütze zurecht. "Wobei, eigentlich auch nicht. Die Beerdigung war ja erst am 23. November."

Wäre Isabellzwei Monate zuvor bewusst gewesen, dass sie ihren Vater nicht noch mal lebend sehen wird, sie hätte ihn zum Abschied wohl besonders fest umarmt. Als sie Ende September bei ihren Eltern zum Kaffeetrinken vorbeischaut, deutet noch nichts auf den Verlust hin, der ihrer Familie bevorsteht.

"Mein Vater kam von der Arbeit und klagte über Rückenschmerzen. Außerdem war er sehr kaputt", erinnert sich die 38-Jährige. Alltägliche Beschwerden, angesichts derer zunächst keiner in der Familie eine schwere Erkrankung vermutet. Wenig später erleidet Isabells Vater einen Herzinfarkt. "Es muss irgendwann abends passiert sein", sagt Isabell. Sie ist schon wieder bei sich zu Hause, als der Vater zusammenbricht. Isabell erfährt erst am nächsten Morgen davon, als ihre Mutter sie anruft.

Isabells Vater wird ins Krankenhaus in Meißen gebracht. Dort liegt er erst mal im Koma und wird operiert. Beistehen kann Isabell ihm jetzt nur noch in Gedanken. Besuche auf der Intensivstation sind für sie verboten, denn die 38-Jährige ist schwanger.

Isabells Mutter ist mit der Situation überfordert und braucht Hilfe. Viele alltägliche Aufgaben sind nun zu viel für sie. „Mutti war wirklich komplett durch den Wind." Deshalb wird auch nicht sie, sondern Tochter Isabell als gesetzliche Betreuerin für den Vater im Krankenhaus eingesetzt. Die Aufgabe birgt viel Verantwortung. Isabell muss nun alle Entscheidungen rund um die Behandlung ihres Vaters treffen – zum Beispiel, ob er operiert werden soll.

Im Krankenhaus finden die Ärzte heraus, dass Isabells Vater nicht nur einen Herzinfarkt hatte, sondern auch an einer Blutvergiftung leidet. "Das kam wohl von einer Entzündung in Nase und Ohren, die wahrscheinlich schon länger da war", erklärt sie. Ihr Vater sei aber niemand gewesen, der wegen vermeintlich kleiner Beschwerden zum Arzt ging. Diesmal mit fatalen Folgen. Die Entzündung blieb unentdeckt.

Wegen der Blutvergiftung verlegen die Ärzte Isabells Vater von Meißen nach Riesa. Der Beginn eines nervenaufreibenden Auf und Abs. Der Zustand des 59-Jährigen verbessert sich leicht. Zwischenzeitlich öffnet er sogar kurz die Augen. "Wahrgenommen hat er meine Mutter aber nicht." Trotzdem besucht Isabells Mama ihren Mann regelmäßig. Ihr Enkel und Isabells Partner begleiten sie.

Isabells Vater muss noch mal operiert werden. "Am Morgen, kurz vor halb sechs habe ich dann einen Anruf der Ärztin erhalten. Er hatte in der Nacht mehrere Leberinfarkte und es leider nicht geschafft." Isabells Vater stirbt am 9. Oktober, nur einen Monat vor seinem 60. Geburtstag. Zu früh, um seine Enkelin kennenzulernen. „Dabei hatte er sich schon so auf sie gefreut.“

Während Isabell und ihr Sohn sich mental darauf vorbereitet hatten, dass ihr geliebter Vater und Opa es vielleicht nicht schaffen wird, wirft der Tod ihres Mannes Isabells Mutter komplett aus der Bahn. Die vielen administrativen Aufgaben, die als Witwe jetzt auf sie zukommen, sind zu viel für Isabells Mutter.

"Sie hat bis zum Schluss immer noch so geredet, als würde er irgendwann einfach nach Hause kommen." Isabelles Eltern kamen zusammen, als sie noch Schulkinder waren. Nach 35 Ehejahren ist sie nun zum ersten Mal alleine.

"Das mit meinen Eltern war sozusagen Liebe auf den ersten Blick. Die haben sich gesehen und wussten, dass sie einander wollen", sagt Isabell. Ihr Vater ist in der zehnten Klasse, als er die Mutter über Freunde kennenlernt. Sie geht damals in die neunte Klasse. "Vati war ein Rowdy - das hat Mutti gefallen", sagt sie und kichert. Die Beziehung ihrer Eltern sei liebevoll gewesen. "Vati hat Mutti aber auch immer geneckt und oft Scherze über sie gemacht. Sie stand ihm da aber in nichts nach!"

Dass ihr Vater das Mädchen, das Isabell erwartet, niemals treffen wird, belastet die werdende Mutter. „Es ist so schade, dass er sie nicht mehr kennenlernen kann.“

Nach der Geburt ihres ersten Sohnes hatten ihre Eltern sie unterstützt. Dementsprechend viel Zeit hatte der Opa mit dem Kleinen verbracht. "Die beiden haben oft im Hof Fußball gespielt." Mittlerweile ist Isabells Sohn erwachsen. Er lebt mit seiner Freundin in einer eigenen Wohnung. Isabells zweites Kind soll im Januar zur Welt kommen.

Nach dem Tod ihres Mannes schafft Isabells Mutter vieles nicht mehr ohne Unterstützung. Auch der Hund, der bisher bei dem Ehepaar lebte, ist vorerst zu einer Freundin gezogen. "Sich um ein Tier zu kümmern, das war erstmal zu viel für sie", erklärt Isabell. Obwohl sie schwanger ist, versucht die 38-Jährige, ihrer Mutter so viel wie möglich abzunehmen.

"Mein Sohn und mein Partner waren in der Zeit eine große Stütze für mich." Auch ihre Freunde sind für Isabell da. "Eine sehr gute Freundin fährt meine Mutter oft zum Arzt und war auch immer wieder mit ihr im Krankenhaus", sagt sie. Dafür sei sie ihr sehr dankbar.

Isabells Tante, die Schwester des Verstorbenen, hilft ihr und ihrem Partner bei der Planung der Beerdigung. Es ist nicht das erste Begräbnis für die Familie. Isabell hat in den vergangenen drei Jahren neben ihrem Vater auch noch ihre beiden Großmütter, ihren Großvater und ihren Onkel verloren. "Ich hoffe, dass damit jetzt erst mal Schluss ist.“

Wie teuer das Begräbnis ihres Vaters werden wird, ahnt Isabell also schon. Die mehr als 5.000 Euro kann ihre Mutter finanziell auf keinen Fall stemmen. "Ihre Bandscheiben sind kaputt." Deshalb könne ihre Mutter ihren ursprünglichen Beruf in der Produktion nicht mehr ausüben. Sie lebt inzwischen von Hartz IV.

Hilfe vom Sozialamt kann sie nicht erwarten. "Die meinten, dass wir als weitere Angehörige die Kosten übernehmen müssen", erklärt Isabell. Also entschließen sich Isabell und ihre Tante, die Kosten zu tragen. Die 38-Jährige sorgt sich, dass sonst vielleicht ihr erwachsener Sohn mit zahlen muss. "Allerdings bekomme ich ein Kind, da muss man aufs Geld achten." Isabell arbeitet als Pflegekraft. In der Schwangerschaft unterliegt sie einem Beschäftigungsverbot. Auch ihre jüngere Schwester kann sich nur in kleinen Raten an den Kosten beteiligen. "Sie zahlt die jetzt einfach bei mir ab. Ihr war wichtig, zu unterstützen so gut sie kann."

Weil das Geld trotzdem nicht ausreicht, um die Beerdigungskosten zu decken, wendet sich Isabell an Kirchensozialarbeiter Johannes Albrecht von der Diakonie in Meißen. Er schlägt vor, finanzielle Unterstützung bei der Stiftung Lichtblick zu beantragen. Isabell stimmt zu, ist froh über die Hilfe. "Ich bin der Stiftung Lichtblick wirklich sehr dankbar. Der Antrag wurde genehmigt und das Geld war dann auch relativ schnell da", sagt sie.

 

Autor*in: Angelina Sortino

Zurück zur Übersicht

Mehr über Lichtblick

Sie brauchen
Hilfe?

Tausende Lichtblick-Spender möchten von ganzem Herzen, dass Ihnen geholfen wird und Sie nicht allein gelassen werden. Auf Wunsch bleiben Sie dabei völlig anonym.

Mehr erfahren

Sie möchten
spenden?

Mit jeder Spende für die Stiftung Lichtblick machen Sie unsere Gesellschaft ein wenig besser. Ganz gleich, ob Sie kleine oder große Beträge, einmalig oder regelmäßig spenden.

Zum Spenden-Formular