Sachsens älteste Auswanderin

Foto: Michael Rietschel

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Kerzengerade sitzt sie mit ihrem schlohweißen Haar auf dem Sofa, das mit seiner Schondecke und den großen Kissen ein bisschen altdeutsche Behaglichkeit ausstrahlen will. Rings um das Sofa sieht es in der kleinen Dresdner Wohnung von Christa Stanev dagegen ganz nach Aufbruch aus. Umzugskisten stapeln sich vor dem Fenster, Aktenordner liegen herum. Das Lächeln für den Fotografen fällt ihr gerade nicht so leicht. Sie ist aufgeregt. Kein Wunder, kaum jemand dürfte je in Angriff genommen haben, was sie jetzt plant: auswandern im Alter von 98 Jahren.

Verstehen kann das nur, wer ihre lange, abenteuerreiche Lebensgeschichte kennt. Christa Stanev legt rasch ihre Zurückhaltung ab und erzählt detailreich. Nach einer Stunde ist sie noch bei der Jugendzeit.

Christa wurde 1923 in der Dresdner Neustadt geboren und besuchte später die 5. Volksschule in der Görlitzer Straße. Als der Krieg begann, tauchte ihr Vater irgendwo in Deutschland unter und entzog sich den Nazis und der Einberufung. Nach der Schulzeit absolvierte sie eine Buchhaltungslehre.

Das Jahr 1943 wurde zu einem Schicksalsjahr. An einem Sommertag war sie mit Freundinnen in der Innenstadt unterwegs, als sie ein Mann mit schwarzen Haaren ansprach. „Eigentlich nicht mein Typ.“ Schüchtern entzog sie sich dem Gespräch und stieg rasch in eine Straßenbahn.

Zwei Wochen später, sie schaute sich gerade die Auslagen in einer Buchhandlung an, sprach sie der Mann überraschend erneut an. Und sie dachte: „So schlecht sieht der gar nicht aus.“ Er lud sie ins Konzert ein, sie lieh sich einen Pelzmantel für den großen Auftritt. Dann gab es doch keine Konzertkarten mehr, das Paar ging ins Kino. Es lief: „Du gehörst zu mir.“ Ach ja, unvergessen. „Er war elegant, galant, höflich.“ Er gefiel ihr, der junge Bulgare, der in Dresden Bauingenieurwesen studierte. Mit ihm 300 weitere Bulgaren, das Land war Verbündeter Hitlerdeutschlands.

Als die Rote Armee 1944 Bulgarien besetzte, wurden die Studenten in Deutschland interniert oder ausgewiesen. Christas Freund kam in ein Lager bei Frankfurt/Oder. Von dort floh er nach Dresden, ausgerechnet am 13. Februar 1945. Er tauchte bei Christas Familie unter, wenige Stunden bevor die Bomben fielen. In der Nacht kämpften sie zusammen gegen die Flammen, die aus Nachbarhäusern überzugreifen drohten. In den Tagen darauf erlebten sie das ganze Elend in der Stadt, die Leichenberge, einstürzende Ruinen, das Trümmermeer.

Ihr Freund floh weiter vor der Polizei und fand im böhmischen Teplitz Unterstützung und Arbeit. Christa hielt es nicht lange ohne ihn aus und fuhr im Frühjahr 45 auf abenteuerlichen Wegen nach Nordböhmen. Gemeinsam erlebten sie dort das Kriegsende. Tag der Befreiung? Na ja. Jetzt durfte sie in Teplitz kein Deutsch mehr sprechen in der Öffentlichkeit, alle Deutschen wurden ausgewiesen.

Was nun? Eigentlich wollte ihr Freund sich zunächst in Bulgarien eine Existenz aufbauen, Bauingenieure würden jetzt gefragt sein. Aber seine Freunde überzeugten ihn: So eine Frau könne er doch nicht allein lassen in diesen Zeiten. Also suchten sie sich in Teplitz einen katholischen Geistlichen, der sie gegen die Zahlung von 200 Mark trauen sollte. Der orthodoxe Freund war für den Geistlichen kein Problem, die evangelische Christa wurde im Schnellverfahren in die Regeln des Katholizismus eingewiesen und getauft. Es sollte Christas erste Hochzeit mit diesem Mann sein, ohne Trauzeugen, Gästen, Geschenken.

Mit tausenden deutscher Flüchtlinge kehrte Christa Stanev, die nun auch die bulgarische Staatsbürgerschaft besaß, nach Dresden zurück und sagte daheim kein Wort. Ihr Mann besuchte sie mehrfach, brachte Lebensmittel mit. Eines Tages fragte er sie, ob sie schon gepackt habe, wenn nicht, solle sie sich beeilen. Vor der Abreise suchten sie eine sowjetische Meldestelle auf, zeigten den Trauschein – an diesem Tag wurden sie zum zweiten Mal offiziell Mann und Frau. Wieder ohne Gäste und ohne jede Zeremonie.

Zwei Tage später fuhren sie über Teplitz und Prag nach Bratislava. Dort fanden sie einen Krankentransport nach Bulgarien. In einem Viehwaggon waren sie 45 Tage unterwegs. An der bulgarischen Grenze wurde sie ihr ganzes Gepäck los. Sie holte sich die Krätze. In Sofia trennte man sie von ihrem Mann. Sie landete auf einer Baustelle, hier sollte sie arbeiten.

Zwölf endlose Tage dauerte es, bis ihr Mann sie wiederfand. Er brachte gleich einen Polizisten, einen Standesbeamten und zwei Trauzeugen mit, sie heirateten innerhalb weniger Monate zum dritten Mal. Und jetzt war sie ihre deutsche Staatsbürgerschaft los. „Aber ich war frei und ich erlebte Bulgarien als Paradies. Berge von Weintrauben, Berge von Paprika, so herrlich weißes Brot!“

Das Paar zog bald nach Varna am Schwarzen Meer, 1948 wurde die erste Tochter geboren, 1955 die zweite. Ihr Mann hatte, wie erwartet, viel zu tun, leitete Bauprojekte in und um Varna. Ein karrierefördernder Eintritt in die Kommunistische Partei wurde ihm allerdings verwehrt – wegen seiner deutschen Frau und ihrem Bruder in Westberlin.

Christa Stanev lernte die bulgarische Sprache, wurde Reiseleiterin, auch für Tagesausflüge von der Schwarzmeerküste nach Istanbul oder Alexandria. Reisende aus der DDR nahmen die Hotel-Aushänge, die nur für Touristen aus dem Westen gedacht waren, stets neidvoll zur Kenntnis. Im Winter gab sie Deutsch-Unterricht an einer Hochschule.

1993 starb ihr Mann, die Kinder waren längst aus dem Haus, das Heimweh kam zurück. Zwei Jahre später lud sie ein guter Bekannter aus Dresden zu sich ein. Eigentlich sollte der Aufenthalt nur Wochen dauern, aber sie fühlte sich wohl in der alten Heimat. Sie blieb bei dem Mann, seine Familie nah sie herzlich auf. Sie bekam die deutsche Staatsbürgerschaft zurück.

Als dann ihr Bekannter 2008 starb, war sie wieder allein und litt darunter. Mehrere Krebserkrankungen stellten sich ein, viele Operationen, Chemotherapien.

Michaela Stephan von der Caritas bemühte sich sehr um Christa Stanev, ihre beiden Töchter reisten jährlich für je einen Monat nach Dresden, um die Mutter zu betreuen. Aber es wurde immer schwieriger in den letzten Jahren. Zuletzt konnte sie kaum noch sehen, nicht mehr lesen, ihr geliebtes Tablet, die Verbindung zur Außenwelt, wurde nutzlos. Auch das Fernsehen war keine Freude mehr. „Ist doch kein Leben“, meint Christa Stanev.

Im Januar 2022 ist die jüngere Tochter Valentina zu Besuch bei ihrer Mutter in Dresden. Sie ordnen die Unterlagen, melden sie hier ab und da ab, sichten gemeinsam Erinnerungsstücke und Fotos, füllen die ersten Umzugskisten. Im Februar ist der Flug gebucht von Berlin nach Sofia. Dort wird die inzwischen 98-Jährige bei ihrer älteren Tochter leben, die eine große Wohnung hat.

„Meine Mama hat lange gebraucht, bis wir sie zum Umzug bewegen konnten“, sagt Tochter Valentina Staneva. „Jetzt sind wir froh, dass es bald soweit ist und wir sie bei uns haben. Und wir sind sehr dankbar, dass die Stiftung Lichtblick uns bei der Haushaltsauflösung unterstützt. Sie bekommt ja kaum Rente.“

Und was erwartet die älteste Auswanderin nun vor allem in Bulgarien? Die Antwort kommt nach einer kleinen Pause und mit einem Stoßseufzer: „Ruhe.“

 

Autor:  Olaf Kittel

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