Was gegen die Trauer hilft

Uwe Soeder

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Das Grab ist übervoll geschmückt. „Wir vergessen Dich nie“ steht in feiner Schrift auf dem kleinen, schlichten Grabstein. Frank Fischer* zündet eine Kerze an. Jeden Donnerstag, jeden Sonntag und manchmal auch noch viel öfter kommt er hierher an den Ort, an dem seine Frau begraben ist. Er kommt, um mit ihr zu reden. „Ich hab jetzt den Umzug durchgezogen“, erzählt er ihr an der Grabstelle leise. „Und heute früh hab ich lange mit dem Jungen gesprochen. Er sagt, er denkt immer daran, wie ihr spazieren gegangen seid.

“In diesem Sommer ist Silke* gestorben. Genau vier Wochen und drei Tage nach jener Nacht, in der sie ihren Mann aufgeregt geweckt hatte: Irgendwas stimmt nicht mit mir, hatte sie gesagt. Ein paar Tage später dann die Diagnose: offener Brustkrebs, äußerst aggressiv, überall im Körper schon Metastasen. Oft zermürbt Frank Fischer die Frage, ob sie das denn nicht schon viel eher hätte merken müssen. Oder ob sie es vielleicht sogar gemerkt und nicht ernst genommen hat? Ob die Ärzte sie dann vielleicht hätten retten können? „Manchmal bin ich richtig wütend, weil sie mir keine Antwort mehr geben kann“, sagt er. Eine einzige Chemo noch, dann ist es vorbei. Ihre letzten vier Sterbens-Tage verbringt Silke Fischer im Herrnhuter Hospiz. Sie ist nur 51 Jahre alt geworden. Nächstes Jahr hätten sie und ihr Mann ihren 30. Hochzeitstag gefeiert. 

Zum x-ten Mal richtet Frank Fischer die Zweige und Blumen auf dem Grab. „Reden tut gut“, sagt er. „Da kann ich ihr nahe sein. In meinen Gedanken ist sie ja da.“ Er lächelt versonnen. Einmal habe sie ihm sogar geantwortet, erzählt er. Es war frühmorgens sehr zeitig, draußen war es noch dunkel, der Himmel glasklar und noch voller Sterne. „Ich frage sie gerade, ob ich das richtig gemacht hab mit dem Jungen – in dem Moment kommt wie als Antwort eine Sternschnuppe.“ Fischers Sohn ist behindert. Der 17-Jährige leidet am Asperger- Syndrom, einer schweren Form des Autismus, und er ist Epileptiker. An dem Tag, an dem seine Mutter gestorben ist, hatte er einen besonders schweren Anfall. 

„Er muss ja auch trauern“, sagt Frank Fischer. „Er kann seine Gefühle ja nicht so verständlich ausdrücken.“ Tagsüber arbeitet der Sohn in einer geschützten Werkstatt. In der restlichen Zeit kümmert sich sein Vater jetzt allein um ihn. Der Junge schläft im Bett neben ihm. „Damit ich auch gleich mitkriege, wenn er nachts einen Anfall bekommt“, sagt sein Vater. Ruhig schlafen kann Frank Fischer nicht mehr. 

Abends sehen sie sich zusammen Fotos an und reden über die Mama. „Ich kann sie ihm nicht ersetzen, aber ich tue alles, was ich kann“, sagt der 52-Jährige. „Ich denke, sie weiß das.“ Auf der Anrichte in der Stube steht ein großes Bild von Silke. Egal von welcher Seite ihr Mann und ihr Sohn sie ansehen, es scheint immer, als blicke sie ihnen fest in die Augen. Neben dem Bild liegt ein schön geschliffener Speckstein, in den der Sohn ihren Namen eingeritzt hat. 

Frank Fischer kann nicht mehr arbeiten gehen. Weil er jetzt Witwenrente bekommt, hat das Jobcenter ihm sofort die Bezüge gestrichen. Damit er die Beerdigung bezahlen kann, ist er zum Sozialamt gegangen. Es war ihm sehr unangenehm, um eine Beihilfe zu bitten, sagt er. Und sehr schwierig war es außerdem, weil seine Frau nicht in Bautzen, sondern in Herrenhut gestorben ist. Da sei die Stadt gar nicht zuständig, hieß es zuerst. „Ich hatte eine Rennerei mit der ganzen Bürokratie, das war richtig schlimm und würdelos“, sagt der 52-Jährige. Als ob der Verlust eines lieben Menschen nicht schon schwer genug ist. 

Es gibt aber auch Menschen, sagt Frank Fischer, die haben ihm sehr geholfen und helfen ihm noch. Eine von ihnen ist Renate Diener vom Hospizdienst der Bautzener Diakonie. Mit ihr kann er reden. „Reden, reden, reden“, sagt er. Das hilft ihm. Und es ist seine Art der Trauerarbeit. Renate Diener weiß, wie wichtig das Trauern ist. Sie und die Mitarbeiter des Hospizdienstes sind bereits da, wenn ein Mensch im Sterben liegt. Sie lindern Schmerzen, halten Hände, geben Trost, beraten und besprechen die wichtigen Dinge, die in einem solchen Fall besprochen werden müssen. Sie helfen auch ganz praktisch, die Dinge zu regeln, die geregelt werden müssen. 

„Frau Fischer ist mit einem Lächeln auf den Lippen eingeschlafen“, erzählt Renate Diener. „Sie wusste, dass alles geregelt ist, so wie sie es sich gewünscht hatte. So war sie beruhigt und konnte loslassen.“ Sehr wichtig für die Trauer ist es auch, wenn Angehörige ganz bewusst Abschied nehmen können, sagt sie. Bei Familie Fischer war das möglich – eben auch mit der Hilfe des Hospizdienstes. 

Renate Diener konnte Frank Fischer auch noch mit etwas anderem helfen. Weil die schwer erkämpften Zuschüsse vom Sozialamt die Kosten für die Beerdigung längst nicht decken konnten, hat die Bautzener Diakonie die Stiftung Lichtblick um Hilfe gebeten. Mit dem Spendengeld konnte Frank Fischer den Grabstein bezahlen. Er ist unendlich dankbar dafür, sagt er. 

Regelmäßig kommt er auch nach dem Tod seiner Frau ins Büro von Renate Diener. Einfach, um zu reden. Renate Diener weiß, wie wichtig das für die Trauerbewältigung ist. Deswegen bietet der Hospizdienst auch noch über den Todesfall hinaus Gespräche für Hinterbliebene an. Nicht nur Einzelgespräche. Es gibt auch regelmäßige Trauerkreise für Hinterbliebene, es gibt spezielle Gruppen für trauernde Kinder, für Jugendliche, für Eltern, die ein Kind verloren haben oder für Hinterbliebene nach Suizid. Manche kommen oft und über eine lange Zeit, sogar über Jahre zum Reden. 

Frank Fischer muss sich jetzt von seiner Frau verabschieden. Der Sohn wird gleich nach Hause gebracht. Da will er da sein. Am liebsten, erzählt er seiner Frau noch, würde er den Jungen ins Auto laden und mit ihm an die Ostsee fahren. Der Junge war noch nie an der Ostsee. Und jetzt im Winter muss es doch herrlich sein. Frank Fischer schluckt. Ein Urlaub an der Ostsee, sagt er, das ist ein Traum für einen, der nur noch eine Witwenrente hat.

*Den Namen haben wir auf Wunsch geändert.

Autor: Jana Ulbrich

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