A. Kühne pflegt als alleinerziehender Vater in Meißen seine Jüngste rund um die Uhr, sie wurde mit einem viel zu kurzen Bein geboren. Er muss sie viel tragen, obwohl er schwere Rückenprobleme hat. Die Stiftung Lichtblick half aus einer Notlage.
Das Mädchen sitzt in einem großen Pflegebett, es steht mitten im Wohnzimmer. Die Sechsjährige hat gerade Papas Smartphone am Wickel und schaut froh und munter einen Trickfilm. Um sie herum jede Menge Spielzeug und viele Kuscheltiere.
Der freche außerirdische Stitch aus der Disney-Serie steht auf einem Bord, er ist im Film der beste Freund von Lilo. Hier ist der beste Freund des Mädchens, das begeistert vorführt, wie Stitch kichern und sich bewegen kann, wenn man seine Nase berührt oder seinen Bauch kitzelt.
Kurz vor Weihnachten ist das Mädchen mal wieder operiert worden. Die Tochter hat seit der Geburt einen viel zu kleinen Oberschenkelknochen, zurzeit ist er 12,5 Zentimeter zu kurz. Dieses Mal musste sie in die Klinik, weil sie sich eine Infektion im Knochen zugezogen hatte. Es musste eine Metallplatte eingesetzt werden. Laufen darf sie jetzt nicht, eigentlich auch nicht krabbeln. Papa A. Kühne schläft deshalb nachts auf der Wohnzimmercouch neben ihrem Bett, damit er jederzeit für sie da sein kann, etwa um sie auf die Toilette zu tragen.
Bandscheibenvorfall nach jahrelanger Schlepperei
Kühne, 41, hat Tischler gelernt und jahrelang als Küchenbauer in Frankfurt am Main und Leipzig gelebt. Durch die jahrelange Schlepperei zog er sich einen Bandscheibenvorfall und sehr früh Spondylose, einen dauerhaften Wirbelsäulenschaden, zu. Er soll nicht mehr oft und wenn, dann nicht mehr als drei Kilogramm tragen. Zehn Stunden im Monat arbeitet er noch in seinem Beruf. Mehr lassen der Rücken und die Rund-um-die-Uhr-Betreuung seiner Tochter nicht zu.
Heute lebt A. Kühne mit zwei Töchtern aus zwei gescheiterten Beziehungen als alleinerziehender Vater in Meißen. Praktischerweise in einer Hochparterre-Wohnung. Seine große Tochter Kira ist schon 14 und sehr selbstständig. Nach der Schule will sie Hotelfachfrau werden, sie schwärmt von Mangas und träumt von einer Japan-Reise.
Mit dem Rollstuhl zur Schule
Als der Papa jetzt eine große Spielzeugkiste an das Bett seiner Tochter bringt, ist das Smartphone schnell vergessen. „Ja, spielen!“, ruft sie vergnügt. Geduldig sucht sie buntes Plastik-Obst aus der Kiste und stellt es auf einem Teller zusammen. Ausführlich kommentiert sie, welches Obst sie mag und welches nicht so sehr. Von Traurigkeit oder Befangenheit keine Spur.
Nächste Woche soll die Tochter wieder in die Schule gehen. „Gehen“ ist nicht ganz richtig, eher wird sie rollen. Dafür hat sie gerade einen Rollstuhl bekommen. Papa wird sie früh zum Auto tragen, den Rollstuhl verstauen, zur Schule fahren, sie dann ins Klassenzimmer schieben.
Die Tochter freut sich darauf. „Papa ich kann schon schreiben“, berichtet die Erstklässlerin stolz. „Mimi noch nicht.“ Nach der Schule wird sie ziemlich sicher noch in den Hort wollen, mit den anderen Kindern spielen. Sie hat ihre Freunde lange nicht gesehen. Macht ja auch keinen Spaß, immer nur im Bett zu sitzen.
Papa ist Lehrer, Koch und Physiotherapeut
Nachmittags holt A. Kühne seine Tochter wieder vom Hort ab, er lässt sie selbst entscheiden, wann sie das möchte. Sie erledigen noch dies und jenes. Dann werden die Hausaufgaben gemacht. Wenn die Tochter nicht in die Schule kann, gibt der Papa den Homeschooling-Lehrer. „Einen richtigen Lehrer wie im Krankenhaus kann ich mir leider nicht leisten.“ Anschließend wird aus dem Lehrer-Papa der Physiotherapeut-Papa. Täglich muss ihr Beingestell neu eingestellt werden, um langfristig die Knochenstreckung zu erreichen.
Ich gebe alles für meine Töchter und würde alles wieder so tun.
Abends ist er dann der Küchen-Papa, jeden Abend zaubert er eine warme Mahlzeit auf den Tisch. Schmeckt das, was der Papa kocht? „Ja, Papa kann alles gut kochen“, berichtet die Tochter strahlend. Und was kann er besonders gut? „Hähnchen schmeckt mir am besten!“ Danach darf sie noch ein bisschen Fernseh gucken. K-Pop aus Südkorea ist angesagt, dazu gibt’s Comicserien. Eine Figur mit langen, lila Haaren, kunstvoll gebunden, hat es der Tochter besonders angetan. „Solche Haare will ich auch mal.“
Später wird dann das Bett in die Schlafposition gebracht. Papa legt sich daneben auf die Couch, was seinem Rücken gar nicht gut tut. Aber so wird er schnell wach, wenn seine Tochter ihn braucht.
Lichtblick zahlt für Autoreparatur
Auch finanziell ist es nicht einfach für die kleine Familie. A. Kühne war selbst zweieinhalb Jahre krank, kann jetzt nur wenig arbeiten. Sie leben vom Bürgergeld, etwas Pflege- sowie Kindergeld, die Wohnung zahlt das Jobcenter. Sie kommen gerade so hin. Als zuletzt das Auto kaputtging bei Tachostand 200.000 Kilometer, war das eine mittlere Katastrophe und guter Rat dringend erforderlich.
Johannes Albrecht von der Diakonie Meißen, der seit Jahrzehnten Menschen in Not berät und sehr vielen weiterhilft, hatte auch für A. Kühne die richtige Idee. Sie stellten gemeinsam einen Antrag bei der Stiftung Lichtblick für einen Reparaturkostenzuschuss, der auch prompt überwiesen wurde. Das Auto konnte aus der Werkstatt abgeholt werden. Viele Monate später ist der Wagen schon wieder kaputt und A. Kühne weiß nicht wirklich, wie er die Rechnung bezahlen soll. Ob Lichtblick noch einmal helfen kann? Ohne Auto ist die Betreuung seiner Tochter nahezu unmöglich.
Mit den Frauen hatte A. Kühne kein Glück, die Beziehungen hielten nicht. Auch ein Wechselmodell für die Kinderbetreuung musste abgebrochen werden. Immerhin telefoniert die Mutter des Mädchens fast täglich mit ihrer Tochter, ab und zu besucht sie ihr Kind. Auch die Großeltern helfen mal mit. Aber der Papa ist die mit Abstand wichtigste Bezugsperson. „Ich komme damit klar“, meint A. Kühne.
Und setzt sehr ernst noch einen drauf, weil es ihm wichtig ist: „Ich gebe alles für meine Töchter und würde alles wieder so tun.“
Familie heißt: Alle halten zusammen
Im Scherz fragt er dann seine Tochter: „Was heißt Familie?“ Und das Töchterchen antwortet ohne zu zögern: „Alle halten zusammen!“ Und strahlt dazu den Papa an.
Die beiden müssen noch viel Geduld und gute Laune aufbringen. Denn es wird viele Jahre dauern, bis die Tochter auf zwei gleich langen, gesunden Beinen stehen kann. Aller drei Jahre muss sie dafür zur Operation ins Krankenhaus. Danach darf sie jeweils ein halbes Jahr nicht aufstehen. Noch viele Jahre muss sie eine Beinprothese tragen. Das fröhliche Mädchen und ihr Papa sind ein gutes Team, um diese Tortur durchzustehen.
Wenn alles normal verläuft, kann die Tochter mit 17 oder 18 ein freies Leben ohne all die Hilfsmittel und Einschränkungen führen.
Text: Olaf Kittel