Anfang Mai freuten sich André Müller* (36) und seine Lebensgefährtin Theresa (40) unbändig auf ihr erstes gemeinsames Kind. Das alte Umgebindehaus in der Sächsischen Schweiz, sein Elternhaus, war fast fertig saniert, Wohn- und Schlafzimmer eingerichtet, das Babybettchen aufgestellt. Nur die Küche fehlte noch. Andre’s Mutter, die werdende Oma, lebt in einer Einliegerwohnung im Haus. Sehr praktisch für die junge Familie, eine Hilfe so ganz in der Nähe.
Am 12. Mai setzten die Wehen ein. André Müller fährt seine Theresa ins Krankenhaus. Es ging schnell los, er erlebt die Geburt von Sohn Paul. „War schön, alles normal“, erzählt er heute ganz sachlich. Wenige Minuten später aber meldet sich der Chefarzt der Klinik bei ihm: Es gibt Komplikationen. Die Werte der Mutter haben sich schnell verschlechtert. Noch im Kreißsaal bekommt sie eine Narkose. Bald darauf wird sie mit dem Hubschrauber in die besser ausgestattete Leipziger Uniklinik geflogen. Dort versuchen die Ärzte alles, um Theresa zu retten. Doch am 14. Mai, zwei Tage nach der Geburt, stirbt sie an einer seltenen Komplikation. Ihren Sohn konnte sie nur zwei Minuten lang im Arm halten.
Der junge Vater lebt in diesen Tagen im seelischen Ausnahmezustand: Nach dem Hochgefühl die absolute Katastrophe. „Du denkst, du bist im falschen Film. Das kann alles nicht wahr sein“, erklärt er seine Gefühle an jenem 14. Mai. Drei Jahre hatte das Paar zusammengelebt, sie waren beide sehr glücklich nach langem Alleinsein. „So eine Frau bekomme ich nie wieder“, sagt er heute. „So nett, so hilfsbereit, so kinderlieb. Wir haben uns nie gestritten.“ Im Krankenhaus musste André Müller dann sofort funktionieren. Er blieb zwei Wochen bei seinem Sohn, fuhr nur einmal kurz nach Leipzig, um Abschied zu nehmen von seiner Theresa. Dann schnell wieder zurück, um sich um den Kleinen zu kümmern. Paul ist zum Glück gesund und munter.
In diesen zwei Wochen im Krankenhaus benötigt der Vater zweitweise selbst medizinischen Beistand. Dann wird er, der gelernte Forstwirt, vom Krankenhauspersonal in einem Schnellkurs zum alleinversorgenden Vater eines Neugeborenen angelernt. „Waschen, windeln, anziehen. Was gebe ich ihm wann zu trinken? Aber auch viel Hintergrundwissen, über die Körpertemperatur etwa oder die Herzfrequenz.“ 17 Jahre zuvor war er schon einmal Vater geworden, sein Ältester lebt heute bei seiner Mutter. „Aber das jetzt war eine andere Hausnummer.“
Als er mit seinem Winzling heim kam, war ihm gar nicht wohl. Die Trauer um seine Frau, die Küche noch nicht fertig. Wie sollte er das alles allein schaffen mit Paul? Aber es gab Hilfe. Seine Mutter übernahm die Wäsche, kocht seither das Essen und passt gelegentlich auf den Enkel auf, wenn ihr Sohn dringend aus dem Haus muss. Freunde helfen beim Ausbau. Und das Netzwerk „Frühe Hilfen“ unterstützt beim Weg durch den Behördendschungel. Aber 90 Prozent der Arbeit, so schätzt André Müller, hat er schon selbst zu leisten. „24/7“, so sagt er das. „Anfangs wollte Paul alle zwei Stunden trinken, Tag und Nacht. Aber das hat sich bis zum Herbst gelegt. Jetzt schlafen wir beide von halb elf bis sieben Uhr morgens durch und sind schon ein richtig gutes Team.“
Wie zur Bestätigung wacht Paul gerade aus dem Mittagsschlaf auf und ist ganz friedlich. Papa André streichelt ihm die Wange, Paul lacht gleich über das ganze Gesicht. Auch den Fototermin im Kinderwagen und auf Papas Arm nimmt er ganz gelassen. Den Weg hinter dem Haus über einen Feldweg geht der Vater mit dem Kinderwagen jeden Tag – es rumpelt so schön. Paul mag das und schläft dann gut ein. „Ich staune über meinen Sohn“, sagt die Großmutter. „Klar, ich helfe ihm als Oma-Mutti, obwohl ich eine solche Rolle für mich längst abgehakt hatte. Aber der Großteil bleibt schon an ihm hängen. Und was soll ich sagen: Er macht es perfekt.“ Eine Mitarbeiterin von „Frühe Hilfen“ kann das nur bestätigen: „Er hat sich in seine neue Rolle intensiv reingehängt. Es gibt schon ein sehr schönes Zwiegespräch zwischen Vater und Sohn.“
Aber kurz nach der Geburt und dem Todesfall hatte André Müller mit einem weiteren, sehr belastenden Problem zu kämpfen. Und das kam so: Noch im Krankenhaus wurde er gefragt, wie Paul denn mit Familiennamen heißen soll. Da Vater und Mutter nicht verheiratet waren, hätte er eigentlich den Familiennamen der Mutter tragen müssen. Doch der Vater hatte eine andere, eine schöne Idee: Er wollte einen Doppelnamen für seinen Sohn, seinen und den seiner verstorbenen Partnerin. Seit Mai dieses Jahres dürfen Kinder Doppelnamen tragen. Allerdings sieht das neue Gesetz dies nur für den Fall vor, wenn beide Eltern da sind. Also musste zunächst ein Richter entscheiden, ob der Antrag von Herrn Müller zulässig ist. Und das dauerte. Deshalb konnte keine Geburtsurkunde für Paul ausgestellt werden. Und das hatte Folgen. André Müller geriet auch noch in finanzielle Schwierigkeiten. Denn bei seinem Arbeitgeber hatte er längst Elternzeit beantragt, da kam kein Geld mehr seit Pauls Geburt. Die Rücklagen waren für die Haussanierung komplett aufgebraucht. Und weil keine Geburtsurkunde vorhanden war, gab es weder Elterngeld, Kindergeld noch Halbwaisenrente. Es kam mindestens zwei Monate lang schlicht gar kein Geld rein.
André Müller war zunächst ratlos, fragte dann aber bei der Schwangerenberatung in Pirna nach, die ihn und seine Frau zuvor schon unterstützt hatte. Die Mitarbeiterinnen dort hatten die rettende Idee: ein Antrag auf Soforthilfe für Menschen in Not bei der Stiftung Lichtblick. „Es war großartig: Nur zehn Tage nach dem Antrag hatte ich 750 Euro von Lichtblick auf meinem Konto und konnte damit meine laufenden Ausgaben bestreiten“, berichtet André Müller. „Herzlichen Dank allen Spendern für die großartige Hilfe! Ich war echt erleichtert.“ Inzwischen ist alles geregelt. Der Richter hat dem Antrag auf Doppelnamen zugestimmt, die Geburtsurkunde konnte ausgestellt werden, Elterngeld und Kindergeld fließen inzwischen, Vater und Sohn sind versorgt. Ein großes Problem weniger.
„In diesen Tagen wird die Küche fertig, dann ist die Haussanierung geschafft“, erklärt André Müller. „Es ist übrigens Theresas Küche. Im Juli nächsten Jahres werde ich dann wieder arbeiten gehen, mein Arbeitgeber hat mir zugesichert, dass ich erst mal mit Teilzeit anfangen kann. Ich könne mich hundertprozentig darauf verlassen. Das hat mir sehr gutgetan.“ Wieder eine Sorge weniger. Paul wird dann, im nächsten Sommer, in die Kita gehen. So ruhig wie der kleine Kerl ist, wird das hoffentlich auch keine Probleme bereiten. Der Alltag aber wird wieder ein anderer sein für die Mini-Familie. Wird er auf Dauer allein bleiben mit seinem Sohn? „Eine neue Bindung?“ André Müller zögert lange mit der Antwort. „Bis dahin muss noch viel in meinem Kopf passieren.“
* Alle Namen der Familie wurden geändert.
Text: Olaf Kittel