In der Lücke

Sebastian Schultz

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Günter Nährig hat in seinem Leben an vielen Arbeitsplätzen gestanden. Der Riesaer hat zu DDR-Zeiten Seife und Stahl produziert. Doch die Nachtschichten haben ihn irgendwann abgeschreckt. Warum also nicht zurück in den Beruf, den er gelernt hat? Agrartechniker. Also kehrt er zurück in den Kuhstall. Nach der Wende hat Nährig dann Autos gewaschen und Gebäude von Asbest befreit. Er hat hart gearbeitet. Wenn er morgens aufsteht, wenn er sich bewegt, spürt er das. „In den 90ern, da hab ich auf dem Bau geschuftet. Da habe ich mich kaputt gemacht.“

Nährig ist ein kräftiger Mann mit großen Händen, die keine Zweifel an seiner Arbeitsbiografie lassen. Nun hat er sich auf den Stuhl in einem Büro der Diakonie Riesa-Großenhain sinken lassen. Neben ihm liegt eine halbleere, gelbe Plastiktüte aus dem Supermarkt. Er trägt eine karierte Flanelljacke, dazu eine ausgebeulte blaue Jeans. Wenn er spricht, zieht er die Schultern an, als müsse er sich ständig rechtfertigen. Inzwischen spinne sein Kreislauf, erzählt Nährig. Mehrere Herzinfarkte hatte er. Wann genau das war, das weiß er allerdings nicht genau. Ereignisse, Daten, Fakten verschwimmen, seitdem er arbeitslos ist – seit knapp 20 Jahren.
Bislang bekam er Arbeitslosengeld II, im Volksmund Hartz-IV genannt. Das ändert sich allerdings in diesem Monat. Nährig ist jetzt 63 Jahre alt und damit Rentner. Seine Rente ist zwar etwas höher als das Arbeitslosengeld – seine Probleme aber löst das nicht. In diesem schwierigen Monat kommt sogar noch eines dazu.
Aber zum Glück hat er Irene Riedel. Die Sozialarbeiterin der Diakonie Riesa-Großenhain hilft ihm. „Wenn ich diese Frau nicht hätte ...“, sagt Nährig. Er führt den Satz nicht zu Ende. Zur Diakonie ist er freiwillig gegangen, nachdem ein Bekannter ihm die Beratung empfohlen hatte. Papierkram überfordert ihn. Manchmal gibt er sich einfach auf. Doch bislang ist er immer zu der Erkenntnis gekommen: „Ich habe zu wenig zum Leben, aber zu viel zum Sterben.“ So ist es auch mit seiner Rente.
Richtig gut bezahlt war seine Arbeit nie. Heute hat er aber immerhin so viel Geld, dass es zum Leben ausreicht – aus Sicht des Sozialstaates. Genau 738 Euro bekommt er von der Rentenkasse auf sein Konto überwiesen. „Das ist noch zu viel, um Grundsicherung zu bekommen“, erklärt Irene Riedel. Sie ist eine zierliche, ruhige Frau, die lieber erst einen Moment nachdenkt, bevor sie eine Lösung anbietet. Das Problem, vor dem Nährig nun steht, ist: Das Arbeitslosengeld kam immer zum Monatsanfang – die Rente kommt am Ende des Monats. Eine strukturelle Lücke. „Der Gesetzgeber nimmt das in Kauf. Warum, weiß ich nicht. Herr Nährig ist da kein Einzelfall.“
Eigentlich hätte Nährig in diesem Monat also gar kein Geld zur Verfügung. Das Jobcenter bietet für diese Fälle Darlehen an. Doch: „Das muss ja auch zurückgezahlt werden. Und das können viele nicht. Wer Arbeitslosengeld II bekommt, kann nichts zurücklegen“, sagt Irene Riedel. Oder habe sogar Schulden – so wie Günter Nährig. „Als ich als Asbestsanierer im Westen unterwegs war, habe ich keine Steuern bezahlt.“ Dann kamen die Nachforderungen. „Aber bei mir war nichts zu holen.“ Den letzten Schritt, den der Staat in diesem Fall geht, heißt: Freiheitsstrafe. Nährig landete also im Knast. „Nach einer Nacht wurde ich aber von meinem künftigen Chef ausgelöst. Für den habe ich dann gearbeitet, als Baugehilfe.“ Rund 1 500 Euro Schulden belasten Nährig heute noch. Von seiner Rente gehen monatliche Raten ab – noch mal rund 70 Euro weniger auf dem Konto.
Irene Riedel hat gemeinsam mit Günter Nährig einen Haushaltsplan für ihn aufgestellt. Den kritischen Monat überbrückt er mit einer Spende der Stiftung Lichtblick, die Riedel für ihn beantragt hat. Das macht sie längst nicht für jeden, der mit Problemen zu ihr kommt. Jeden Fall prüft sie – sucht nach Möglichkeiten, ob nicht doch der Staat oder ein Verwandter zahlen kann. Auch einen Hausbesuch hat sie bei Nährig in Gröba gemacht. „Das Haus ist in keinem guten Zustand, aber ein Umzug würde wieder weitere Kosten verursachen.“
Nährig will seine Wohnung eigentlich auch gar nicht verlassen. So wird er weiter dort leben. Denn, sagt er: „Irgendwie muss es ja weitergehen, immer weiter.“

Autorin: Britta Veltzke

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