Die letzte Reise

Foto: Thomas Kretschel

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Im Frühjahr hatten Cathleen Kraftborn und ihr Mann Gewissheit: Andre`wird sterben. Bauchspeicheldrüsenkrebs. Bis zu diesem Tag hatte er tapfer alle Operationen und Chemotherapien durchgestanden und gekämpft wie ein Löwe. Bis zu diesem Tag glaubten sie an die Heilung. Deshalb hatten sie noch ein Jahr zuvor geheiratet. Es gab ein schönes Fest in Coswig in der Börse. Es sollte ihnen Kraft geben, ihre Verbindung stärken, ein Höhepunkt sein für sich selbst und ihren Freundeskreis. Und Cathleen wollte den Namen ihres Mannes tragen: Kraftborn. Ihren wollte sie loswerden. Bisher hieß sie Frost, es klang nach Schnee und Kälte und wollte so gar nicht zu ihr passen.

Im Mai, als klar wurde, dass er gehen muss mit gerade einmal 57 Jahren, wollten sie unbedingt noch einmal an die Ostsee reisen, so wie sie es fast jedes Jahr hielten. Noch einmal den Wind spüren, die Wellen rauschen hören und sich an die schönen Urlaubstage zu zweit erinnern. Cathleen Kraftborn hatte ein behindertengerechtes Hotel in Zingst gefunden, die komplizierte Ernährung dort für ihren Mann organisiert und den Transport, den er im Liegen absolvieren sollte. Ein teures Unterfangen. Über das Diakonische Werk Meißen bat sie deshalb bei der Stiftung Lichtblick der Sächsischen Zeitung um Unterstützung und erhielt auch rasch eine Zusage. Pfingstmontag sollte es losgehen.

Doch wenige Tage vor der geplanten Abreise musste ein Notarzt kommen. Er erklärte, dass Andre` nur noch wenige Tage bleiben würden. Sie sagten die Reise ab, sie übernahm die Betreuung, zuletzt gemeinsam mit ihrer Schwester. Einen Pflegedienst wollten sie nicht, aber sie bekamen Unterstützung vom Palliativteam und Promed. Bis zuletzt hofften sie, wenigstens noch einmal einen Tagesausflug unternehmen zu können. Am 15. Juni starb ihr Mann.

Dies ist die eine Geschichte. Die andere: Schon als Mädchen wurde Cathleen nicht gerade vom Glück verwöhnt. Ihre Mutter stürzte während der Schwangerschaft, sie kam am 25. Dezember 1970 zwei Monate zu früh auf die Welt, „als verhinderter Weihnachtsengel“. Nur sechs Jahre konnte sie bei der Mama bleiben, die sich als zu jung, in dieser Zeit zu krank und für die Kindererziehung ungeeignet erwies. Sie zog mit ihrer Großtante nach Coswig, die ihre Pflegemutter wurde.

Die Tante tat alles, was ihr möglich war, um dem Kind die Mutter zu ersetzen. Die beiden haben noch heute ein gutes Verhältnis, Cathleen Kraftborn besucht sie regelmäßig, kauft für sie ein, macht sauber. „Ich habe im Laufe meines Lebens gelernt, dass sich nicht alles nur um mich drehen kann. Mein Lebensmotto ist deshalb: Geben und nehmen gehören zusammen.“

Nach der Schule lernte sie bei Planeta in Radebeul Maschinenbauzeichnerin, unterschrieb dort auch ihren ersten Arbeitsvertrag. Doch schon nach wenigen Jahren – Anfang der 90er-Jahre – war damit Schluss. Der Druckmaschinenhersteller musste nach einem Absatzeinbruch nach der Wende Personal entlassen. Ihr wurde gekündigt, weil sie eine der Jüngsten war. Wie das damals so war.

Maschinenbauzeichnerin schien ihr nicht sehr aussichtsreich angesichts des Einbruchs in der Industrie überall im Osten. Aber das Reisen war in den 90er-Jahren angesagt, also wollte sie zunächst ein Studium an einer Hotelfachschule beginnen, sattelte dann noch einmal um und lernte Reiseverkehrskauffrau.

Während der Ausbildung wurde sie 1993 krank und bekam ernste psychische Probleme. Sie entwickelte Ängste vor den Qualitätsansprüchen ihrer Kunden, die waren nicht zu überwinden. Cathleen Kraftborn glaubt, dass sie die Anlagen für ihre Krankheit geerbt hat („Ich habe Schrottgene“). Unmittelbarer Auslöser war aber der frühe Unfalltod ihrer besten Freundin.

Es wurde so schlimm, dass an geregelte Arbeit nicht mehr zu denken war. Zwar versuchte sie immer wieder, hier und da einen Fuß in die Tür zu bekommen, absolvierte Praktika. Aber es ging nicht. Die junge Frau musste mit nicht einmal 30 Jahren verrentet werden.

Kurz danach lernte sie ihren Andre` kennen. Der Mechaniker und Industriemeister war aufmerksam und las ihr jeden Wunsch von den Augen ab, hatte Witz, sie haben zusammen viel gelacht. Sie brachte ihm Billard bei. Freundschaft sollte es sein zwischen den beiden, es wurde mehr. Was der eine dachte, sprach der andere aus. Wie das bei Verliebten so ist. Die beiden zogen zusammen, „wir fuchsten uns ein“.

Allerdings sorgte ihre Krankheit dafür, dass die Harmonie keineswegs gleichbleibend war. Er musste starke Stimmungsschwankungen ertragen, einen Suizidversuch mit ihr überstehen. Cathleen Kraftborn ist traurig beim Gedanken daran. Sie nennt ihre Beziehung denn auch „Firma Hoch-Tief“. Es waren schöne Zeiten dabei und richtig schwere. Aber wie auch immer: Andre` war ein Glücksfall für sie. In den richtig guten Zeiten fuhren sie dann immer zusammen an die Ostsee, 2016 zum letzten Mal. Ende 2016 begannen seine Schmerzen.

In diesen Tagen besucht sie ihren Mann oft auf dem Friedhof. Noch gibt es keinen Grabstein, aber viele Blumen schmücken das Grab. „Er fehlt mir unendlich“, sagt Frau Kraftborn. Sie ist deshalb froh über jede Unterstützung. Die Ärzte helfen ihr regelmäßig, die Betreuer von der Diakonie führen lange Gespräche. Die Stiftung Lichtblick der Sächsischen Zeitung, die Menschen in Not schnell und unbürokratisch hilft, hat entschieden, sich an den Beerdigungskosten zu beteiligen.

Cathleen Kraftborn kann das Geld gut brauchen und freut sich deshalb sehr. „Ich bedanke mich herzlich für die Hilfe, die statt für die letzte Ostseereise nun für Andrés allerletzte Reise verwendet wurde. Sobald die Spendensaison von Lichtblick beginnt, werde ich deshalb auch eine Spende überweisen.“ Weil geben und nehmen ihr Lebensmotto ist, hat sie sich auch zum Gespräch über ihr Leben entschlossen, so schwer ihr das gefallen ist. Sie möchte damit Leser der Sächsischen Zeitung ermutigen, für Lichtblick zu spenden und Menschen in Not zu helfen.

Zum Glück hat sie auch Geschwister und Freunde, die ihr zur Seite stehen. Mit einer Freundin war sie Ende September eine Woche lang an der Ostsee. Gemeinsam gingen sie am Strand spazieren, beobachteten Kraniche und Fledermäuse. Sie vermisste ihren Mann, ja, aber sie kam doch ein wenig zur Ruhe. Die Tage taten ihr gut. Auch wenn sie vergeblich auf einen ordentlichen Herbststurm gehofft hatte, der ihre traurigen Gedanken einfach wegpustet.

„Ja, ich weiß es doch“, meint sie dann und krault ihren roten Kater Kasie, der sich auf dem Sofa eng an sie schmiegt, „Mein Name ist Kraftborn.“

Autor: Olaf Kittel

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