Seelischer Absturz

Foto: Thomas Kretschel

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An den Sandalen im Flur ist ein Riemchen gerissen. Zum Glück ist der Sommer vorbei. Sie könnte sich keine neuen leisten. Immer gearbeitet, und im Portemonnaie bloß Ausweise und die Kundenkarte der Apotheke. Irgendwas ist schief gelaufen im Leben von Ines Richter. Und das von Anfang an. Aufgewachsen ist sie in Steinigtwolmsdorf. Der Vater Kraftfahrer, die Mutter Weberin. Um Haushalt und Geschwister kümmerte sich die Große. Schon als Elfjährige stand sie am Waschbrett und schrubbte. Es war wie Weihnachten, als endlich eine Waschmaschine angeschafft werden konnte. Die WM 66 war sicher das beliebteste elektrische Haushaltsgerät in der DDR. Für die Halbwüchsige blieb noch genug zu tun. Sie kochte, nähte, half bei den Schulaufgaben des Lieblingsbruders. Er starb mit 19 bei einem Verkehrsunfall. Unter den Alltagssorgen erstickte die Trauer. Das Muster sollte sich wiederholen.

Es ist alles wieder da, wenn Ines Richter erzählt. Als sei es gestern gewesen. Aber nie, sagt sie, nie würde sie ihren Eltern einen Vorwurf machen. „Sie waren arm, aber sie haben getan, was sie konnten, mit all ihrer Liebe. Diese Liebe gebe ich ihnen nun zurück.“ Sie betreut die Mutter und den schwerkranken Vater. Als brauchte sie nicht selbst jede Hilfe, die sie kriegen kann. Zusammengesunken sitzt die 56-Jährige am Küchentisch. Immer wieder muss sie die Brille absetzen und sich die Augen wischen. Auf die Wachstuchdecke sind Rezepte gedruckt in geschwungener italienischer Schrift. Die bunten Bilder zeigen Paprikaschoten, Knoblauch, Tomaten. Buon appetito! Auf dem Tisch liegen zwei Zwiebeln. Von Italien, von Urlaub überhaupt, kann diese Frau bloß träumen. Wie viele einsame Stunden hat sie schon hier in der Küche gesessen. Nur einmal, sagt sie, und sei es für kurze Zeit, wäre sie gern alle finanziellen Sorgen los. „Ich möchte einfach mal wieder glücklich sein.“ Doch das Glück scheint einen großen Bogen um sie zu schlagen. In der Küche stehen mehrere Wasserkanister. Die füllt sie am Brunnen der Eltern. „Immer nur sparen, sparen, sparen.“ Sie hat etwa 65.000 Euro Schulden. Es fällt ihr schwer, darüber zu sprechen. Schulden und Scham, das liegt dicht beisammen, gerade für Ostdeutsche.

Dabei sah es nach der Schulzeit ganz gut aus. Sie machte ihren Textilfacharbeiter und lernte am Sorbischen Lehrerbildungsinstitut Bautzen. Als Erziehungshelferin arbeitete sie im Kindergarten. Es war, sagt sie, ihre schönste Zeit. Nach dem politischen Umbruch ´89 wurde der Kindergarten geschlossen. Sie fand in der Arbeitsagentur eine Stelle und arbeitete in verschiedenen Bereichen. Wenn sie vor Schmerzen kaum laufen konnte, erfand sie Ausreden. Treppe runtergefallen. Einmal fragte eine Kollegin, warum sie auch im Sommer langärmlige Pullis trage. Ines Richter zeigte die grünen und blauen Flecken an ihren Armen. 13 Jahre war sie verheiratet mit einem gewalttätigen Alkoholiker. Sie erzählt, wie er seine Zigarette in ihrem Gesicht ausdrückte. Hier, sagt sie, und schiebt die schwarzen Locken aus der Stirn. Wie er sie stundenlang im fensterlosen Badezimmer einsperrte und mit dem Schlüssel wegging. Wie sie manche Nacht auf dem blanken Boden lag, sich aus Angst unter dem Doppelstockbett der Söhne verkroch. Die beiden mussten miterleben, dass er sie schlug. „Lass meine Mama los, das ist meine Mama!“ Solche Kinderschreie vergisst man nicht. Die Jungen hatten doppelt zu leiden. Sie trugen schwer an der sogenannten Fischschuppenkrankheit. Beide mussten früh und abends gebadet und gesalbt werden, brauchten ständig frische Wäsche, spezielles Essen, Medikamente. Das schleppte Ines Richter alles allein weg. Ihr Mann, sagt sie, trug auch nichts zum Unterhalt der Familie bei. Kam er aus der Kneipe nach Hause, griff er zuerst zum Schnaps. „Und immer nur Streit, Streit, Streit.“ Sie müsse der Kinder wegen bleiben, sagten die Schwiegereltern.

Der jüngere Sohn wohnt heute in Nordrhein-Westfalen. Es geht ihm nicht gut, sagt Ines Richter, und dass ihm die Haare ausgefallen seien. Mehr müsse man nicht erklären. Sie würde ihn gern besuchen, die Enkel sehen. Doch sie weiß nicht mal, wovon sie diesen Monat Kartoffeln, Nudeln und Haferflocken kaufen soll. Und das Heidekraut für das Grab. Das blieb ihr von dem älteren Sohn. Das Begräbnis auf Raten bezahlt. Sein Foto steht auf einem Bord in der Stube. Er bleibt für immer ein hübscher Bursche mit Bärtchen. Weil es nach ´89 wenig Arbeit gab in der Lausitz, meldete er sich zur Bundeswehr und ging nach Afghanistan. „Er wollte mir nicht auf der Tasche liegen. Mutsch, hat er zu mir gesagt.“ Er hatte ein Kind. Doch an einem Freitag im Juni fuhr er mit dem Auto und starb. Ines Richter glaubt, dass er absichtlich zu schnell fuhr. „Das Leben kann von heute auf morgen ganz anders sein.“ Es ist anders, seit sie ihn vor zwölf Jahren liegen sah mit einem Tubus im Hals und überall Blut. „Das wünsche ich niemandem.“ Seitdem hat sie das, was sie einen Knall im Kopf nennt. Plötzliche Zitteranfälle. Schlaflosigkeit. Albträume. „Überall das viele Blut.“ Ihr Bettzeug hat sie in die Stube aufs Sofa geräumt. Dort ist es wärmer. Manchmal bügelt sie nachts.

Ein toter Bruder, ein toter Sohn, ein gewalttätiger Ehemann. Da hört man das Schicksal seufzen. Zum seelischen Absturz kommt der finanzielle dazu. Er kam mit der Liebe, die blind macht. Ines Richter nahm ihr bisschen Erspartes und einen großen Kredit und kaufte 2005 ein Häuschen am Dorfrand in der Lausitz. Küche und Stube unten, zwei Zimmer oben. Dahinter Wiese. Ein Wunsch ihres zweiten Ehemanns. Sie hat es nicht gemerkt, sagt sie, dass er Tabletten nahm. Sie erzählt von seinen Wahnvorstellungen und von manisch-depressiven Schüben. Mal habe er gedroht, das Haus anzuzünden, mal sei er tagelang mit ihrem Auto verschwunden. „Ich kannte bald jeden Polizisten zwischen Görlitz und Löbau.“ Der Keller füllte sich mit Fahrrädern, die er gestohlen hatte, und mit Dingen, die er per Katalog bestellte. „Einmal hatten wir sieben Fernseher.“ Manches konnte sie rückgängig machen. Anderes musste sie bezahlen. „Immer nur rechnen, rechnen, rechnen.“ Der Stromzähler jagte, weil der Mann die Nacht zum Tag machte. Kam sie von Arbeit, saß mitunter eine fremde Frau mit ihm in der Küche und meinte, er habe ihr Liebesbriefe geschickt.

Auch nach der Scheidung hat sie sich noch um ihn gekümmert, sagt Ines Richter, als er in der Psychiatrie in Großschweidnitz war und später in Arnsdorf. Sie habe ihm die Hälfte des Hauses ausbezahlen müssen, das sie doch ganz allein finanziert hatte, und dafür einen Kredit aufgenommen, sagt Ines Richter. „Dieser Mann hat mich in den Ruin geführt.“ Heute lebt er in der Nähe seiner Schwester in Hessen. Sein Anwalt klagte auf Unterhalt. Dafür gehen jeden Monat 200 Euro von ihrer Erwerbsminderungsrente weg. Dazu die Ratenzahlungen, Stromkosten, Steuern, Versicherung, Telefon: Da bleibt unterm Strich weniger übrig als bei einem Hartz-IV-Empfänger. Neulich im Gericht sei sie umgefallen, sagt sie. Einfach so. Später saß sie still in dem Zimmer, in dem ihr toter Sohn zuletzt gelebt hat. Dieses Zimmer in diesem Haus ist mehr als ein Ort der Erinnerung: der letzte Halt, der einzige Schutz.

„Ich habe immer versucht, alles allein zu stemmen“, sagt Ines Richter. „Mir muss niemand erzählen, was sparen heißt. Jeden Cent habe ich mehr als einmal umgedreht, meine Schulden immer anständig bezahlt. Aber jetzt kann ich nicht mehr.“ Sie suchte Rat bei der Caritas. Die Bautzener Mitarbeiter vermittelten auch die Hilfe durch die Stiftung Lichtblick der Sächsischen Zeitung. Dafür ist Ines Richter dankbar. Sie konnte offene Rechnungen bezahlen. Die Elektroanlage war veraltet. Geräte hätten nicht mehr angeschlossen werden dürfen. Ein Waschbrett lag noch im Keller der Eltern.

Text: Karin Grossmann

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