So viele Wünsche

Thomas Kretschel

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Claudia hatte als Kind Krebs, ein Bein wurde amputiert. Später geriet sie an einen Spielsüchtigen, lebt nun mit zwei Kindern und hohen Schulden. Jetzt gibt es ein paar Lichtblicke.
 
Die Kindheit war die schlimmste Zeit in meinem Leben, sagt Claudia. ,,Das Beste daran war, dass ich überlebt habe." Aufgewachsen ist die heute 37-Jährige in einem Städtchen bei Riesa. Die Eltern trennten sich früh, mit ihrem Stiefvater kam sie nie zurecht. Er, der immerhin stellvertretender Amtsleiter war, verprügelte das Mädchen immer wieder, auch ohne jeden Grund, wie sie sagt. Die Mutter half ihr nicht. Taschengeld gab es nie. Aufs Pausenbrot bekam sie immer gerade das geschmiert, was sie nicht mochte. Mit elf sackte sie auf dem Weg zum Sportunterricht zusammen. Schulkameraden brachten sie nach Hause. Die Eltern nahmen die Sache nicht so wichtig, auch dann noch nicht, als sie über eine Geschwulst am rechten Oberschenkel klagte, die sich wie ein Stein anfühlte und immer größer wurde. Als es gar nicht mehr ging, zogen sie von Arzt zu Arzt und erhielten schließlich von einem Spezialisten in Berlin die Diagnose: Knochenkrebs im Spätstadium.
 
Gemeinsam mit Mutter und Stiefvater sollte sie entscheiden: Das Bein bis zum Hüftgelenk zu amputieren oder zu sterben. Ein halbes Jahr verbrachte sie im Krankenhaus, mit Chemotherapien und den bekannten Folgen. Das Mädchen kam dann mit einer Beinprothese und einer Perücke nach Hause zurück. Jetzt wandten sich die Freunde ab, die mit der Behinderten nichts mehr anzufangen wussten. Und mit dem StiefVater lief es so schlecht wie eh und je. Immerhin hielt sie schulisch mit, obwohl sie ein Jahr lang Unterricht daheim erhielt. Sie hätte sogar aufs Gymnasium gekonnt, wenn sie denn gewollt hätte. 
Was macht eine solche Kindheit mit einer jungen Frau?
 
Nach der Schulzeit wurde zunächst alles besser. Das Berufsbildungswerk in Dresden nahm sie auf, sie konnte dort ins Internat. Endlich weg von daheim, wo sie nur die schrecklichen Heimfahrtwochenenden verbringen musste. Sie fand neue Freunde, bummelte mit ihnen in der Stadt, so gut man das mit einer Beinprothese kann, Sie gingen ins Kino, sie organisierten eigene Discos. In der modernen Behinderteneinrichtung konnte sie sich zunächst beruflich ausprobieren und dann eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation absolvieren. Alles gut.
 
Nach vier Jahren musste sie allein klarkommen. Sie mietete eine kleine Wohnung in Dresden und begann mit der Suche - einer Arbeitsstelle und eines Partners.
Beides erwies sich als schwieriger eine junge Frau mit Behinderung. Einen Job bei einem Gebrauchtwarenhändler fand sie schließlich, der kassierte zwar gern die Fördermittel : für sie, aber um jedes Gehalt musste sie kämpfen. Irgendwann ging das nicht mehr. Nach einem Freund suchte sie über eine
Partnervermittlung, die über den Teletext eines privaten Fernsehkanals angeboten wird. Interessenten meldeten sich durchaus einige. ,,Aber sie waren immer
ganz schnell wieder weg, wenn sie hörten, dass mir ein Bein fehlt.“
 
Einer blieb allerdings. Es war der Falsche, sie ahnte es früh, Freunde hatten sie auch gewamt. ,,Aber ich wollte nicht mehr allein sein." Der junge Arbeitslose war spielsüchtig, verschwand immer wieder in den Spielhallen der Stadt und brachte nicht nur sein Geld, sondern auch das ihre durch. Die ersten Schulden wuchsen. Nun begann das Paar, vor den Schuldnern von einer Wohnung in die andere zu fliehen, quer durchs Elbland. "Wir zogen eine Spur des Chaos", sagt Claudia heute. Immer wieder versuchte sie, ihren Freund vom Spielen abzuhalten, das gemeinsame Geld zu verwalten. Es half alles nichts. Jeder Gewinn füllte erst mal wieder die Geldbörse und verschaffte eine kurze Zeit lang neuen Optimismus, dass schon irgendwie alles wieder wird. Inzwischen wurden Samira und Fabian geboren. Beides Wunschkinder, betont sie. Eines Abends nahm er Geld aus ihrem Portemonnaie und verspielte es sofort. Am nächsten Morgen war nichts mehr da, womit sie Milch und Windeln bezahlen konnte.
 
Sie sollte sich das Geld in der Verwandtschaft besorgen, verlangte er. Nun eskalierten die Auseinandersetzungen. Die Trennung
folgte nach quälend langer Zeit. Als Claudia dies in ihrer Wohnung in Coswig erzählt, kommt Samira ins Zimmer gestürmt: ,,Redest du wieder schlecht über
Papa?" Und erklärt den Ausbruch gleich selbst: ,,Ich bin Papa-Kind." Sie wollte auch wieder nicht ins Ferienlager, weil dann die Papa-Wochenenden wegfielen. Der Vater ist neu verheiratet, seine Frau hat geschafft,was Claudia nicht gelungen war: Ihn von der Spielsucht zu befreien. Sie erkennt an, dass er sich sehr um die Kinder kümmert. Nach all den Dramen wünscht sie nun auch für sich und ihre Kinder endlich Normalität. Sie hat viele Wünsche und die Hoffnung, dass es nun besser wird. Mit den Schulden, die bei ihr hängenblieben, wird sie leben müssen. Viel Hoffnung hat sie nicht, die je bedienen zu können. Nach den Schulferien will sie sich zunächst um stundenweise Arbeit kümmern. Vielleicht klappt es mit einem Angebot eines Online-Händlers. Die Arbeit könnte sie von daheim erledigen, es wäre ideal in ihrer Situation. Auch die Partnersuche will sie wieder aufnehmen. Sie wünscht sich sehr einen Mann an ihrer Seite. Auch für die Kinder wäre das gut. Und sie wäre ihren Familiennamen los, den sie nicht in der Zeitung lesen will, weil er sie an ihren Stiefvater erinnert.
 
Zunächst will sie aber im wahrsten Sinne des Wortes auf die Beine kommen: mit einer neuen Prothese. Bisher hatte sie mechanische, die nur im Knie beweglich sind. Das Laufen fällt ihr damit sehr schwer, einkaufen und Taschen tragen ist kaum möglich. In den nächsten Wochen soll sie nun eine halbelektronische Prothese bekommen, die exakt auf ihre Größe und ihre Gehgeschwindigkeit eingestellt werden kann. Damit, so hofft sie, wird sie im Alltag besser zurechtkommen. Und wenn sie sich einige Monate an dieses neue Bein gewöhnt hat, soll die nächste Hilfe angeschafft werden: ein Therapie-Fahrrad. Die Prothese lässt sich nämlich auf "Gehen" und "Fahrrad fahren" einstellen. Leider sind diese Räder ziemlich teuer. Sie hat gemeinsam mit einem Betreuer von der Diakonie nach einem Spender gesucht und sich an die Stiftung Lichtblick der Sächsischen Zeitung gewandt. Die bewilligte sehr rasch 500 Euro zweckgebunden für eingebrauchtes Therapierad. "Das habe ich überhaupt noch nicht erlebt", sagt Claudia. "So schnelle Hilfe! Jetzt habe ich ja noch nicht mal meine Prothese. Danke, das ist großartig."
 
Mit dem Bein und mit dem Rad soll dann vieles einfacher werden. Sie will im Supermarkt allein einkaufen und muss dann nicht immer die Kinder oder Fremde um Hilfe bitten. Sie würde sich gern auch wieder mehr in die Schule trauen. Sie hat das jahrelang gemieden, weil ihre Kinder von Klassenkameraden gehänselt wurden: Warum läuft denn Deine Mama so komisch?  Vor allem aber kann sie dann mit den Kindern öfter unterwegs sein. Gerade jetzt in den Ferien haben die viel zu viel im Zimmer gesessen. Vor dem Fernseher oder am Computer, weil die Mama eben nicht so einfach mit ins Bad oder ins Kino gehen kann. Vielleicht wird sie dann mit ihnen sogar erstmals das Haus verlassen, wenn draußen Schnee liegt. Manchmal ist viel Lebensqualität nicht wirklich teuer.
 
 
Autor: Olaf Kittel

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